Vorwort

CouvertureHenriLambert.jpg Das bestmögliche Geleitwort zu diesem Buch über die Gedanken, Gesellschaftsanalysen und großen Reformvorhaben, für die sich Henri Lambert ein Leben lang eingesetzt hat – selbst während des Zwischenspiels seines friedensstiftenden Wirkens im Ersten Weltkrieg – ist dasjenige, welches er jeder seiner drei wichtigsten Publikationen voranstellte:  “Beitrag zur Suche nach Lösungen einiger wichtiger Fragen meiner Zeit und aller Zeiten“.      Inspiriert durch die Entfaltung seiner finalistischen Gesamtphilosophie für die Menschheit, entwickelte sich sein Wirken in diesem Geiste um drei große reformatorische Schwerpunkte.

Sein Reformvorhaben für einen verantwortungsvollen Kapitalismus

NouveauContratSocial.jpgAls erster dieser Schwerpunkte erschien ihm gegen Ende des 19. Jahrhunderts derjenige einer Stärkung der Verantwortung des Einzelnen in den Wirtschafts- und Arbeitsverbänden.
      Scharfer Gegner des erstaunlichen Doppelprivilegs der „beschränkten Haftung“ und der „Anonymität“, das sich Unternehmerkreise ab Mitte des 19. Jahrhunderts gewähren ließen, lehnte er sich in den darauffolgenden Jahrzehnten unablässig gegen die zunehmend unheilvollen Auswirkungen dieser Vorrechte auf: zu rasch verlaufende Umwälzungen in den Lebensverhältnissen der in die Industriestädte abwandernden Landbevölkerung und deren urbane Verelendung, eine Erscheinung, welche durch die Konzentration der Wirtschaftsgebilde, die daraus resultierenden Ungerechtigkeiten und Machtmissbräuche, gewaltgeprägten politischen Reaktionen und die aufeinanderfolgenden Finanz- und Wirtschaftskrisen erheblich gefördert wurde.
         Ein Jahrhundert später hat sich das heutige kapitalistische System – an der Basis durch die individuelle „beschränkte Haftung“ verdorben (nachdem das Privileg der Anonymität verschwunden bzw. im Verschwinden begriffen ist) – unablässig weiterentwickelt, und wir driften heute in einen allgemeinen, von der Basis bis in die höchsten Entscheidungsebenen „unverantwortlichen Kapitalismus“ , den die im Gange befindlichen schwachen Bemühungen um neue, geringfügige Reglementierungen des Finanzsektors niemals ernsthaft und dauerhaft genug werden korrigieren können.
       Seit Henri Lambert hat kein großer Beobachter des Wirtschafts-, Rechts- oder politischen Geschehens auch nur auf das Vorhandensein der zu weit gehenden Privilegien der beschränkten Haftung hingewiesen, von ihren Folgen ganz zu schweigen... Kein den Kapitalismus beobachtender großer Denker oder führender Politiker der Gegenwart ist sich dessen auch nur bewusst geworden...

Sein Reformvorhaben des Wahlsystems im Interesse der Allgemeinheit

RevisionConstitutionnelle_p76.jpg     Als zweiter, von Henri Lambert parallel herausgearbeiteter Schwerpunkt erscheint derjenige einer wahrhaft durchdachten Organisation der Demokratie und der demokratischen Wahlsysteme. Seit der Erweiterung der parlamentarischen Systeme und der Wahlgrundlagen Ende des 19. Jahrhunderts waren die verschiedenen gesetzgebenden Versammlungen (Parlamente, Kongresse, Kammern oder andere, mehr oder weniger beratende Körperschaften) meist nur Gruppierungen von Privatinteressen, bestrebt, in ständigem Konflikt miteinander ihre engstirnigen Positionen zu stärken. Das Gemeinwohl der jeweiligen Bevölkerung ist sozusagen niemals aus den diesen Systemen (von denen einige bis zur Absurdität des extremen, lähmenden Proportionalwahlsystems getrieben wurden) innewohnenden Interessenkämpfen, Kompromissen und Zugeständnissen hervorgegangen.   Bereits Ende des 19. und insbesondere Anfang des 20. Jahrhundert widmete sich Henri Lambert intensiv der Aufgabe, ein von ihm konzipiertes neuartiges Wahlsystem bekannt zu machen und dessen Anerkennung zu erwirken. Dieses System hatte zum Ziel, parlamentarische Gebilde zu schaffen, die zwangsläufig dem Allgemeininteresse dienen und damit stabiler und besser befähigt sein würden, große, gemeinwohlorientierte Reformen durchzuführen.Seine Bestrebungen, die 1914 auf sehr gutem Wege schienen, wurden durch den Großen Krieg brutal unterbrochen und in der Nachkriegszeit dann aufgegeben, bedingt durch das Vordringen des Sozialismus und des einfachen allgemeinen Wahlrechts (Verhältniswahlsystem) mit einer rein proportionalen Vertretung der Tendenzen der Wähler und ihrer Parteien und der daraus unvermeidlich folgenden Parteienherrschaft.
     Ein Jahrhundert später sehen sich die verschiedenen „demokratischen“ gesetzgebenden Systeme – fast überall wacklig, innerlich zerrissen durch Interessenkonflikte, verdorben durch ihre Finanzierungsquellen –  in größten Schwierigkeiten, ja sogar unfähig, große gesellschaftliche Reformen in Angriff zu nehmen, derer es doch in den meisten Ländern bedarf.
     Welcher große politische Denker, welche Bewegung der Volkswirtschaftslehre (einer traditionellen, jedoch praktisch aufgegebenen Disziplin) bemüht sich heute um eine bessere Organisation der mutmaßlich „demokratischen“ Wahlsysteme mit dem Ziel, reformatorische und gemeinwohlorientierte gesetzgeberische Bestrebungen zu begünstigen? 

Sein Reformvorhaben des internationalen Handels

Pax_Economica.jpg     Den dritten großen Schwerpunkt im Wirken von Henri Lambert bildete schließlich derjenige eines wahrhaft unermüdlichen Kampfes gegen die wirtschaftlichen Protektionismen und die sich daraus ergebenden übersteigerten Nationalismen und Rivalitäten, vornehmlich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bei Heraufziehen des Ersten Weltkrieges und dann wiederum bis zum Herannahen des Zweiten Weltkrieges.
     Wiewohl konfrontiert mit dem allgemeinen Unverständnis der grundlegenden, entscheidenden Bedeutung des wirtschaftlichen Faktors in den Beziehungen zwischen rivalisierenden Staaten, sowie mit der Unwissenheit der maßgeblichen führenden Politiker seiner Zeit auf wirtschaftlichem Gebiet und mit deren allgemeinem Mangel an Intelligenz, kam Henri Lambert dennoch einem Durchbruch von Weltbedeutung auf höchster Ebene der US-amerikanischen Regierung sehr nahe und zwar bei der Vorbereitung des Friedensvertrages (1917/18), der das Ende des Ersten Weltkrieges besiegeln sollte. Als er in den USA an Colonel House, den großen Berater von Präsident Wilson, herantrat, hatte er zu hoffen gewagt, der Friede werde auf der europäischen und weltweiten wirtschaftlichen Abrüstung gründen, und die berühmten „14 Punkte“ Präsident Wilsons zum Frieden würden dieses als ersten und wesentlichsten „Punkt“ haben. Gemeinsam mit Colonel House war es ihm gelungen, diesen Punkt, zunächst nur an 11., dann aber schließlich an 3., nicht jedoch an 1. Stelle aufzunehmen ... Tatsächlich wurde dann der Waffenstillstand vom November 1918 direkt zwischen den Vereinigten Staaten (Wilson und Colonel House) und Deutschland (deutsche Sozialdemokraten) auf Grundlage der „14 Punkte“ verhandelt. In diesem Zusammenhang erteilte Henri Lambert Colonel House nicht unerhebliche Ratschläge.
      Auf der verhängnisvollen „Friedenskonferenz“ von 1919 in Paris ließ Präsident Wilson diesen „3. Punkt“ dann unglücklicherweise vollkommen unter den Tisch fallen. Hatte Wilson – durch seine Gefäßkrankheit bereits geschwächt, durch Clemenceau seitens der Franzosen und Lloyd George seitens des Commonwealth sowie zahllose Ansprüche verschiedenster Art aus aller Welt bedrängt und damit überlastet, besessen von seinem vorrangigen Traum einer heilbringenden „Liga der Nationen“ und in den Vereinigten Staaten politisch sehr geschwächt – jemals wirklich an die kapitale Bedeutung des „3. Punktes“ geglaubt, dessen Annahme seine Aura und seine Autorität den ehemaligen kriegführenden Mächten bei Kriegsende hätte vorschreiben können?  Es bedurfte einer neuen Generation und eines neuen, noch schlimmeren großen Weltkrieges, um schließlich in Europa den Anfang einer Verwirklichung des Niederreißens und Aufhebens der nationalen Wirtschaftsschranken zu erleben, während sich dies weltweit noch schwieriger gestaltete. Seitdem setzt sich ganz allmählich die Beseitigung der weltweiten wirtschaftlichen Grenzen seitens großer Regionen und zwischen diesen Regionen fort...
     Kein ernst zu nehmender Ökonom oder Politiker zweifelt heute noch an der grundlegenden Bedeutung dieses wirtschaftlichen Zieles zur Verwirklichung des Friedens zwischen den Nationen.

Seine philosophische und metaphysische Vision

MetaphysiqueDeLEnergie.jpg     Abschließend und nicht zuletzt möchten wir noch darauf verweisen, dass das gesamte unermüdliche Wirken Henri Lamberts entlang dieser drei großen Handlungslinien auf der humanistischen, positivistischen, finalistischen und spiritualistischen Philosophie seiner nicht alltäglichen, kühnen „Hypothese“ gründete, die schließlich durch seinen Sohn Valentin in extenso dargelegt und endlich 1935 post mortem veröffentlicht wurde. Damit stellt diese Schrift – den einen oder anderen Leser diskret zur Reflexion anregend – mit einer neuen Klarheit eine Hypothese über die Möglichkeit einer Finalität, eines Endzweckes für die Menschheit auf.   


Pierre Casimir-Lambert

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-10-25