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2. Reform des Kapitalismus

Und doch ...

Zwar räumen Henri Lambert und Eugène Baudoux die Missbräuche seitens der qua Zensuswahlrecht Stimmberechtigten ein, betrachten diese aber nicht als Aggressoren. Sie verweisen bereits ausdrücklich auf die zu weit gehenden Privilegien der Kapitalisten. Für die Arbeiter wünschen sie indes keine Gewerkschaften, die offiziell das Prinzip des Kampfes einführen, sondern kooperative Gesellschaften oder Verbände.

Mit dem Ziel, den Erfolg des Gesetzesvorhabens zu verhindern bzw. dieses abzuändern, wurde Henri Lambert 1896 intensiv in diesem Bereich tätig und nahm vermehrt Kontakt zur Presse einerseits und zu Politikern andererseits auf.

Vor der ausdrücklichen Formulierung dieses Gesetzesvorhabens im Jahr 1914 wurden die Ideen Henri Lamberts zwei Mal fast in einen Gesetzestext gegossen.

pierre-waldeck-rousseau.jpgZunächst in Frankreich. Am 14. November 1899 reichte Pierre Waldeck-Rousseau seine das Gesetz von 1884 abändernde Gesetzesvorlage über Vereinigungen ein. Diese war, auf Frankreich zugeschnitten, die dem Gedanken Henri Lamberts am nächsten kommende Formulierung. Das französische Parlament ließ jedoch ein strengeres Gesetz wählen, das von den Grundsätzen seines Initiators abwich und in das am 1. Juli 1901 verkündete Gesetz mündete. Es handelte sich um das berühmte Gesetz der Trennung von Kirche und Staat. 

janson-paul.jpgIn Belgien unterbreitete, wie wir sehen konnten, Paul Janson der Abgeordnetenkammer in der Sitzung vom 6. Mai 1908 eine Gesetzesvorlage über „La Société de travail collectif simple ou commanditée“ und am 3. Februar 1909 eine weitere über „Die Organisation des Vereinigungsrechts“, in welcher er erklärt, er habe „die Theorien von Baudoux und Lambert in einen Rechtstext übertragen wollen“, eine „Vorlage, welche diese Theorien nur sehr unvollkommen wiedergebe“.

Die Kompromisslosigkeit der von Henri Lambert vorgebrachten Prinzipien, ihre Strenge, hielt einmal diejenigen fern, die – als Freunde des Möglichen– darin den Ausdruck einer Utopie sahen, und dann wieder diejenigen, die dort eine Bedrohung aller möglichen Privilegien zu erkennen glaubten. Dennoch steht außer Zweifel, dass eine zügellose Freiheit, ohne Grenzen und ohne tatsächliche Verantwortlichkeit, nur zu Maßlosigkeit führen konnte.

Wenngleich Henri Lambert nicht wirklich Epigonen hatte, war dennoch ein damaliger junger Doktor der Philosophie und Philologie, künftiger Soziologieprofessor an der Freien Universität Brüssel und deren künftiger Rektor, sowie künftiger Minister, Henri Janne (1908-1991), ein Anhänger seiner Theorien und insbesondere der Vereinigungsfreiheit. Von der belgischen Gesellschaft für politische Ökonomie eingeladen, seine „nicht alltäglichen Ideen zu verteidigen“, hatte sich Henri Lambert schließlich bereit erklärt, diesen Vortrag zu halten. Der Tod hat dies vereitelt.

So erklärte sich Henri Janne einverstanden, am 26. Februar 1935 an Henri Lamberts Stelle „Die Reform des kapitalistischen Systems durch das Vereinigungsrecht“ darzulegen. Nachdem er die Anschauung Henri Lamberts erklärt hat, die er teilt und als fundamental erachtet, führt er aus, dass auch für ihn jegliche Reform des Vereinigungsrechts „notwendigerweise eine Art Reform des Systems sei und äußerst tiefgreifende, ja sogar revolutionäre Auswirkungen habe, sofern die Reform radikal sei“. Nachdem er die Theorie ausführlich dargelegt und auf diesbezügliche Einwände geantwortet hat, schließt er mit den Worten: „die Menge beginnt zu rufen, ja herauszuschreien, an der Spitze der Wirtschaft stehe eine Oligarchie, die keine Elite sei; man spreche von Parasiten, von „Amateuren“, Unehrenhaften; an dem Tag, an welchem das, was die Elite einer Gesellschaft sein sollte, der Kritik eine Angriffsfläche biete, sei über diese Gesellschaft – erinnern wir uns des 18. Jahrhunderts – sozusagen das Urteil gesprochen. 
... 
„Wir befinden uns an der Kreuzung der Wege, es genügt, die derzeitige Weltwirtschaft in den Blick zu nehmen, um sich bewusst zu werden, in welchem Sinne sie zu ändern ist: im Sinne der Verantwortlichkeit. Ich denke mit Henri Lambert, dass es für die Menschen unserer Zeit ‚etwas zu tun gibt‘“.

Doch in Europa begann das Säbelrasseln. Totalitarismen jeder Couleur – Kommunismus, Nationalsozialismus, Faschismus – polierten ihre Waffen unter den machtlosen Blicken der Demokratien, wo die Unwissenheit gärte. Die Wahrheit hat ihre Stunde. Diejenige der Vision Henri Lamberts war noch nicht gekommen...

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06