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4. Reform des internationalen Handelsverkehrs

Protektionismus : Quelle internationaler Konflikte

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„Auf der Suche nach den Ursachen der derzeitigen Krise hat man viel zu sehr aus dem Blick verloren, dass man, da es sich um eine Erscheinung weltweiten Ausmaßes handelt, deren weltweit wirkende Ursachen oder zumindest eine dieser Ursachen finden muss“.

Henri Lambert (1933)

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts angesichts der zunehmenden Spannungen und Rivalitäten zwischen den europäischen Mächten von wachsender Besorgnis erfüllt und durch seine Kontakte bereits ab 1912 vor dem unmittelbaren Bevorstehen eines Desasters gewarnt, fürchtete Henri Lambert das Herannahen eines katastrophalen Konfliktes für Europa und die Welt. Von nun an bildeten die Prämissen eines Krieges, der entsetzlich sein würde, sowie dessen Folgen den Mittelpunkt seiner Ängste und seiner Überlegungen als klarsichtiger Pazifist, was die tiefere Ursache des herannahenden Konfliktes betrifft. So widmete er sich von 1913 bis 1920 der Abfassung von rund fünfzig, sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten veröffentlichten Schriften. Im April 1913 begann er, den damaligen britischen Außenminister, Sir Edward Grey, mittels eines langen offenen Briefes zu alarmieren, der grundlegende moralische Betrachtungen enthielt und den wirtschaftlichen Ursprung – die tiefere Ursache des drohenden großen Konfliktes – klar herausstellte: die allgemein verbreiteten, nationalistischen Wirtschaftsprotektionismen. Um den Abbau dieser Protektionismen einzuleiten, schlug er Grey die Einberufung einer Wirtschaftskonferenz vor. 1918 schrieb Henri Lambert: „Ich schlug Sir Edward Grey diese Lösung in einem von der Pariser Freihandelsliga publizierten offenen Brief vor, der meines Erachtens vom Großteil der Staats- und Regierungschefs Europas gelesen wurde.“ Gelesen wurde er von diesen zweifellos, leider aber von ihnen – angefangen bei Sir Edward Grey – nicht verstanden oder unterschätzt und blieb ohne Wirkung oder bekannt gewordene Reaktion seitens der großen europäischen Verantwortlichen.

Um die Kriege abzuschaffen und den Frieden zu begründen, ist es notwendig, bis zur fundamentalen Ursache der Antagonismen vorzudringen und auf diese einzuwirken. Für Henri Lambert sind es die die nationalen und internationalen Beziehungen beherrschenden wirtschaftlichen Gegebenheiten. Deshalb gelte es, die großen ökonomischen Wahrheiten besser bekannt zu machen und besser zu verstehen, und dies sowohl auf Ebene der Völker, als auch auf derjenigen ihrer Spitzenpolitiker, bei denen so häufig Unkenntnis hinsichtlich des Funktionierens und der Wirkungen wirtschaftlicher Mechanismen herrscht. Diese Aufgabe ist es, die er im Frühjahr 1913 in Angriff nimmt, eine Aufgabe, der er sich auch im weiteren Verlauf seines Kampfes unermüdlich widmet.

SirEdwardGrey.jpgIn den Mittelpunkt des Problems werden die Handlung des Austauschs und die Teilung der Arbeit gerückt, die auch im Zentrum seines Neuen Gesellschaftsvertrags standen, ebenso wie seine finalistische Philosophie. Für Henri Lambert sind Arbeitsteilung und freier Austausch von Waren und Dienstleistungen auf internationaler Ebene  unerlässlich für „die integrale Erfüllung“ der Bestimmung der Menschheit, aufgerufen zu einem unwiderstehlichen Fortschritt, der sich im sozialen und internationalen Frieden vollzieht durch die Ideen, oder durch Gewalt in Kriegen und Aufständen. So ist er überzeugt, dass „es unter den Voraussetzungen des modernen Krieges keine kraft ihrer Waffen mächtige Nation geben kann als diejenige, die zugleich über große wirtschaftliche Macht verfügt. Eine solche Nation wird unweigerlich Anhänger des Freihandels sein oder dies schließlich werden; aufgrund ihrer Bedürfnisse und ihrer Expansions- und Durchdringungsmacht kann sie dies unmöglich nicht werden. Früher oder später wird sie die Stärke ihrer Waffen in den Dienst des Freihandels stellen; sie wird freien Zugang bei den anderen fordern und wird, ökonomisch stark, kaum zögern, diesen auch bei sich zu gewähren. Tatsächlich wird sich diese Nation schon bald bewusst werden, dass die unbeschränkte Bereicherung eines Landes nur über die Bereicherung der anderen Länder möglich ist, welche ihre Kunden oder Lieferanten sind: Der Freihandel wird durch Gewalt eingeführt und der Fortschritt durch Krieg erzwungen. Doch zu welch hohem Preis an Demütigungen und Leid für die Besiegten!“ Für ihn ist der Feind also der Protektionismus, der ein System „des Rückschritts, der Gewalt, der Quasi-Barbarei auf wirtschaftlichem, moralischem und sozialem Gebiet“ darstellt, das durch Ideen oder durch Gewalt besiegt wird, und dieses Dilemma ist es, dem sich Europa 1913 gegenübersieht. Und es ist das Ausmaß dieses Dilemmas, das er Edward Grey erklären will.

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06