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5. Reform der Kolonialsysteme - Internationalisierung

Belgische politische Hintergründe (Der Kongo)

In sehr jungen Jahren wurde König Leopold II. „schnell von einem gleichsam zwanghaften Interesse für überseeische Angelegenheiten, für die Bereicherung dank groß angelegter politisch-kommerzieller Machenschaften ergriffen“. Sein „zuweilen teuflischer Sinn des diplomatischen Spiels“ kam seinen pharaonischen Träumen zu Hilfe, wobei ihm die Rivalität zwischen den damaligen Großmächten, darunter Großbritannien, Frankreich, Deutschland sowie Portugal, zusätzlich half. Mitte der 1870er Jahre ließ das nur einigen wenigen Forschungsreisenden bekannte Zentralafrika alle Träume zu. Mit deren Verwirklichung beauftragte Leopold H.M. Stanley, dessen Epos Berühmtheit erlangen sollte.    

In diesem Kontext berief König Leopold II., dem die Amerikaner den Spitznamen « The King of business » gaben, bereits am 12. Dezember 1876 im Brüsseler Palast eine geografische Konferenz mit dem angekündigten Ziel ein, den Anstoß zu Erkundungen unbekannter Gebiete in Afrika zu geben; sie mündete in die durch Leopold II. angeregte Gründung der Association Internationale Africaine (Internationale afrikanische Vereinigung).

Zwei Jahre später – 1878 – entsteht das Comité d’études du Haut-Kongo. 1884 gründet der König die Association Internationale du Congo (AIC). Am 15. November 1884 wird die Berliner Westafrika-Konferenz (auch Kongokonferenz genannt) eröffnet, deren Schlussdokument am 26. Februar 1885 das Kongobecken für neutral erklärt und alle Nationen dort auf gleichen Fuß stellt. Einige Zeit später gründet Leopold II. – motu proprio – den Staat Kongo und ersucht am 16. April 1885 den Ministerrat Belgiens, ihn als Herrscher des neuen Staates einzusetzen.

CaricatureJohnGrandCarteret.jpgBereits Anfang der 1890er Jahre begannen die Grausamkeiten des Regimes bekannt zu werden: „Zerstörungen ganzer Dörfer, Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren, Geiselnahmen, verschiedene körperliche Züchtigungen usw.“ Nun, da der Kongo endlich rentabel wurde, war jedes Mittel recht, um sich Kautschuk und Elfenbein zu beschaffen. Schon bald wurden Stimmen laut, die diese Missbräuche anprangerten – darunter besonders diejenigen des amerikanischen Journalisten George Williams und eines protestantischen Missionars, William Sheppard.   

Die belgische öffentliche Meinung begann sich zu erregen. Anfang 1906 folgerten gewisse Spezialisten des Kolonialrechts: „In Wahrheit ist der Staat Kongo keineswegs ein kolonisatorischer Staat, er ist kaum ein Staat – sondern ein Finanzunternehmen … Die Kolonie ist weder im Interesse der Einheimischen, ja noch nicht einmal im wirtschaftlichen Interesse Belgiens verwaltet worden. Dem ‚Roi-Souverain‘ ein Höchstmaß an Ressourcen zu beschaffen, darin lag die Antriebsfeder der Regierungstätigkeit begründet“. Um diesem Zustand ein Ende zu bereiten, bot sich als einzige offenbare Lösung die Übernahme dieses Staates durch Belgien an. Folglich musste sich das Parlament damit befassen. Die parlamentarische Debatte über diese Frage der Annektierung begann am 20. Februar 1906. Anfänglich widersetzte sich Leopold II. entschieden dieser Annektierung. Aufgrund des wachsenden Widerstands seitens der englischen Regierung, die in der Annektierung ebenfalls die einzige Lösung zur Behebung dieses Problems sah, änderte Leopold II. jedoch Ende 1906 angesichts der Androhung, eine internationale Konferenz über den Kongo abzuhalten, seine Meinung und unterstützte fortan die Idee der Annektierung des Freistaates Kongo durch Belgien. 

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06