ENFR

7. Visionär oder Hellseher

Der Zweite Weltkrieg oder das europäische Aufbauwerk

Im November 1914 verfasste er einen Artikel unter der Überschrift „Wirtschaftliche Ursache und Lösung der europäischen Krise“, der erst im Januar 1915 auf Französisch in London erschien und für die „Papers of War Time“ unter dem Titel „The ethics of international Trade“ ins Englische und dann auch ins Italienische und Deutsche übersetzt wurde und in allen kriegsteilnehmenden Ländern frei zirkulierte.

In diesem Artikel versucht Henri Lambert, die führenden Politiker nicht allein durch theoretische, sondern auch durch sittliche und spirituelle Argumente zu überzeugen: Sie seien gegenüber Gott, gegenüber der Menschheit dazu verpflichtet, sich zu bemühen, die kriegführenden Völker in Wahrheit und Gerechtigkeit zu versöhnen, denn früher oder später, nach unkalkulierbaren Opfern von Menschen und Dingen – er schreibt dies drei Monate nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten – gelte es, eine Lösung für den Konflikt zu finden; seine diesbezüglichen Vorschläge sind bekannt. Und angenommen, so sagt er, „die Sieger zwingen den Besiegten eine auf Ungleichheit gründende Zollbehandlung auf und bringen diese dadurch in wirtschaftliche Unterlegenheit, und die Menschheit kehrt auf diese Weise zum System der Knechtschaft der Völker in moderner Form zurück. Gibt es einen vorausschauenden oder einfach nur vernünftigen Menschen, der sich vorstellt, man könne Völker, von denen die einen bereits jetzt, die anderen bevor ein Jahrhundert vergangen sein wird aus Hunderten von Millionen Individuen bestehen bzw. bestehen werden, in die Knechtschaft zwingen und darin erhalten? Es wird gewiss kein halbes Jahrhundert vergehen, bevor – gerechtes Umschlagen der Dinge! – die Unterdrückten, die fatalen Zwistigkeiten der Unterdrücker nutzend (und welche Bündnisse halten schon ein halbes Jahrhundert?), die Rollen umkehren werden, unter dem Applaus all jener Völker, die dem derzeitigen Konflikt und seinen Folgen fremd geblieben sind.

Traurige Vorahnung, voller Scharfblick, geschrieben zu Beginn der Feindseligkeiten, von denen man annahm, sie würden von kurzer Dauer sein. Er wird der bereits skizzierten Lösung des europäischen Problems den letzten Schliff geben. Die auf seinen Wunsch einberufene Konferenz sollte sofort zusammentreten, unter dem Schutz eines Waffenstillstands, in einem neutralen Land; alle Nationen der Welt würden dazu eingeladen mit dem Ziel, ein Abkommen zwischen allen Kolonialvölkern unterzeichnen zu lassen, welche die Kolonien „allen zum freien Handel aller“ öffnen. Auch die britischen Dominions würden als unabhängige Staaten anwesend sein. Ferner sollte sich diese Konferenz bemühen, ein zweites Abkommen zu erzielen, „durch welches sich die Nationen in größtmöglicher Zahl dazu verpflichten würden, stufenweise ihre Mutterlandzollgebühren zu senken“. Diese beiden Abkommen hätten eine Laufzeit von einem Jahrhundert und sollten auch für künftige Kolonien gelten. Falls sich nicht alle Zollgebühren von heute auf morgen abschaffen ließen, sollte zumindest jeder auf allen Kolonialmärkten in den Genuss einer auf wirtschaftlicher Gleichheit fußenden Behandlung kommen können. Dies liefe tatsächlich auf eine Internationalisierung der Kolonien hinaus, eine Lösung, die bereits einige Jahre früher, nämlich 1908, für den Belgischen Kongo und dessen gesamtes Vertragsgebiet vorgeschlagen worden war.

Und in einem anderen Schriftstück aus dem gleichen Jahr fügt er hinzu:
uee.jpg„Diese (dritte) Lösung der europäischen Frage hat als einzige dauerhaften Charakter, d.h. sie gestattet eine stufenweise und endgültige Abrüstung und lässt einige Hoffnung, Revolutionen, Anarchie und den erneuten Ausbruch eines (Vergeltungs- und Gerechtigkeits)-Krieges – schrecklicher und schlimmer als der gegenwärtige und dessen Unabwendbarkeit wir unseren Kindern hinterlassen werden – in mehr oder weniger naher Zukunft zu vermeiden“. Hellsichtige, düstere Voraussage!

In einem an Colonel House gerichteten Brief vom 24. September 1917 setzt er diesen auch bereits davon in Kenntnis, was aus der sozialen Situation in Frankreich, Belgien, Italien und England werden sollte: « within a maximum of three years after restablisment of peace … very acute, maybe extremely grave. This is an absolute certainty. The only prospect and hope of not seeing a similar situation develop in Germany is through a peace without injustice and oppression – a « peace without victory ». If the peace concluded were oppressive and spoliative an extraordinary opportunity for a war of revenge and liberation would be afforted to Germany before 10 years ». Leider hat ihn sein Scharfsinn nicht getäuscht. Sein Pessimismus, der ihn zu besonders starken Worten greifen lässt, hat lediglich die Fristen verkürzt.

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06