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5. Reform der Kolonialsysteme - Internationalisierung

Internationalisierung des Kongo

Am 8. April 1908, eine Woche also vor Eröffnung der Debatten, richtet Henri Lambert ein Schreiben an die « Gazette de Charleroi », in welchem er seinen Standpunkt mit Blick auf die Internationalisierung des Kongo erläutert. Tatsächlich aber schrieb er dort bereits im Februar 1895:

 „Sollte die Lösung der Frage des Kongo in dessen Übernahme bestehen – eine Lösung, welche der Verfasser dieser Zeilen, überzeugter Gegner des kongolesischen Abenteuers, zutiefst bedauern würde (…). Kurz, das koloniale Problem wäre, uns in Afrika so kurzfristig wie nur möglich ein Handels- und Produktionszentrum zu eröffnen. Und selbstverständlich sollte die Lösung im Freihandel gesucht werden“. Wenngleich dieser Gedanke nicht neu ist, wird er hier erstmals „in eine präzise Realisierungsformel übersetzt“.

Nach seiner Auffassung würde der Kongo durch einen multinationalen Regierungsrat aus neun Mitgliedern verwaltet werden, von denen zwei von Frankreich, zwei von England, zwei von Deutschland und drei von Belgien gestellt würden. Die finanziellen Lasten würden zu 2/5 durch Belgien und zu jeweils einem Fünftel von den übrigen Nationen getragen.

Henri Lambert verwies darauf, dass Belgien keinerlei wirtschaftliches Interesse daran habe, den Kongo zu einer Kolonie zu machen, da es sich zu einer der ersten Wirtschaftsmächte entwickelt habe, ohne über eine Kolonie zu verfügen, deren Verwaltung erhebliche Ausgaben und Lasten für das Land mit sich bringen würde. So versichert er, „welche Gründe könnte es für Belgien unter dem Gesichtspunkt des Gemeinwohls geben, die verschiedensten Lasten und Risiken zu übernehmen, wie sie mit dem Besitz dieses unendlich großen, geografisch und politisch ungünstig gelegenen Gebietes verbunden sind, dessen am deutlichsten erwiesene oder am wenigsten strittige Reichtümer mehr oder weniger erschöpft sind oder belgischen und ausländischen Privatpersonen zugestanden wurden, denen gegenüber unser Land keinerlei Verpflichtungen eingegangen ist? Sind die Belgier bereit, sowohl mit Menschen wie auch mit Geld die Kosten einer Kriegsmarine, einer Kolonialarmee zu tragen und tatsächlich auf ihre Neutralität zu verzichten? Dies mögen sie beantworten, nachdem sie sich die Frage gestellt haben, im Hinblick auf welche wirtschaftlichen Ergebnisse sie derartige Opfer zu bringen bereit gewesen wären“.    

Kann man andererseits von den Belgiern verlangen, alles aufzugeben? „Neben dem wirtschaftlichen Unternehmen und über dieses hinaus gibt es das humanitäre und zivilisatorische Unternehmen, das von Anfang an den Hauptbeweggrund zu diesem Werke bildete und von dem sich die Belgier demnach nicht ohne Zerrüttung, ja nicht ohne Schändlichkeit abwenden können“.

Nach seiner Einschätzung nahm diese von ihm vorgeschlagene Lösung der Internationalisierung weitgehend Rücksicht auf die bestehenden moralischen und materiellen Interessen und brachte diese miteinander in Einklang, wobei sie zugleich gestattete, den internationalen Wünschen nachzukommen.   

HectorDenis.jpgEs war Hector Denis (1842-1913), bedeutender Soziologe und ehemaliger Rektor der Freien Universität Brüssel (1892-1894), der dem Parlament in dessen Sitzung vom 2. Mai 1908, also drei Wochen nach Erscheinen eines Artikels Henri Lamberts in der „Gazette de Charleroi“,  einen in diesem Sinne formulierten Gesetzentwurf vorlegte. Bei diesem Anlass erklärte er, ein „aufgeschlossener Industrieller, der sich mit der Internationalisierung auseinandergesetzt habe, Herr Lambert, habe in bemerkenswerter Weise gewisse direkte positive Auswirkungen einer solchen Lösung beleuchtet“.  

Seine Ideen verfügten somit über das unerlässliche Relais auf politischer Entscheidungsebene. Wenngleich sich seine Theorien über Interessenvertretung und Zusammenschlüsse außerhalb Belgiens anwenden ließen, versuchte er hier erstmals, direkten Einfluss auf die internationale Politik zu nehmen. Und es sollte nicht das letzte Mal sein.

EdmundDeneMorel.jpgAm 16. Juli 1908 schreibt Henri Lambert an Edmund Dene Morel : „Alles wird von der Haltung Englands abhängen. Kommt die englische Regierung den anderen zuvor, wie ich es Sir E. Grey und Sir Ch. Dilke nahegelegt habe, dann hat der Vorschlag von Herrn Hector Denis beste Aussichten, von der belgischen Kammer angenommen zu werden“ (…). Wenn dagegen die englische Regierung ausweicht oder zurückschreckt, wenn die englische Nation nicht ihren Willen kundtut, sondern gleichgültig bleibt, wenn sie die Stimme desjenigen nicht hört, der sich zum Initiator der Befreiung der leidgeprüften Kongolesen gemacht hat, wird die Sache abgeurteilt sein: Die Engländer werden sich zwar noch bemitleiden dürfen, das Recht sich zu beklagen jedoch werden sie verloren haben; sie werden sich die Schuld selbst zuschreiben müssen, denn was ihre Verantwortung für die dann in den kongolesischen Regionen herrschende Sachlage betrifft, so wird diese in etwa derjenigen der Belgier gleichkommen“. Die englische Regierung hat die Fortsetzung des belgischen Prozesses nicht verhindern können.

Im November 1908 überlässt – einige werden sagen: verkauft – Leopold II. den Kongo dem belgischen Staat, womit er offiziell zu einer Kolonie Belgiens wird.

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06