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4. Reform des internationalen Handelsverkehrs

Moral und internationaler Handelsverkehr

Moralische Grundsätze der internationalen Handelsbeziehungen

Im Herbst 1915, einer für seine Überlegungen besonders fruchtbaren Zeit, vollendet Henri Lambert – nahezu zeitgleich mit der Fertigstellung seines mit Arnold Lupton (1846-1930) erarbeiten Entwurfs eines Friedensvertrags – die Abfassung eines etwa dreißigseitigen Artikels zum Thema "Moral und internationaler Handelsverkehr". Darin begründet er vor allem Folgendes:

  • die wirtschaftlichen Rechte sind, für Völker wie für den Einzelnen, die ursprünglichen natürlichen Rechte;
  • die wirtschaftliche Freiheit ist die grundlegende Freiheit;
  • grundlegende Gerechtigkeit und Moralität sind die wirtschaftliche Gerechtigkeit und Moralität;
  • Grundprinzip der internationalen Moral ist die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Völker.

 

Tatsächlich sind nach seiner Auffassung "die wirtschaftlichen Interessen der Menschen deren entscheidende Interessen. Ihre Wirtschaftsbeziehungen sind ihre grundlegenden Beziehungen. So verhält es sich im Leben der Einzelnen und der Gruppierungen innerhalb nationaler Körperschaften. So verhält es sich auch im Leben der Nationen innerhalb der internationalen Gesellschaft. Die Wirtschaft bildet zwangsläufig die Grundlage aller Politiken. Die nationale Wirtschaftspolitik ist die grundlegende nationale Politik".

" … es handelt sich (also) darum, den schwierigen Übergang von der militärischen zur wirtschaftlichen und friedlichen Zivilisation zu vollziehen.Erstere wird gekennzeichnet durch:

  1. Vergrößerung der Staaten mittels Eroberung, erzwungene Föderalisierung, Zentralisierung durch die Autorität „der Macht“;
  2. Bereicherung, Fortschritt und Einheit der Nationen unter dem friedlichen System des auf die zwischenstaatlichen Wirtschaftsbeziehungen angewandten Freihandels und
  3. das auf die internationalen Wirtschaftsbeziehungen angewandte kriegerische System der „Handelsbilanz“ und des Protektionismus;
  4. die zwischen den Nationen recht und schlecht mittels Hegemonie oder das „Gleichgewicht der Mächte“ aufrechterhaltene Ordnung“,

 

"Die wirtschaftliche Zivilisation sollte gekennzeichnet sein durch :

  1. die Bereicherung und den allgemeinen Fortschritt der Völker unter dem friedlichen und pazifistischen System des auf internationale und nationale Beziehungen gleichermaßen angewandten Freihandels;
  2. die freiwillige, schrittweise Aufspaltung der großen Staaten, die politische Dezentralisierung und die Regierungsautonomie der sie bildenden Nationalitäten, nach Maßgabe der ethnischen, ethischen, politischen oder einfach regionalen Verwandtschaften und Bestrebungen;
  3. die wachsende wechselseitige Durchdringung und Kreuzung der Völker, die Verschmelzung der Temperamente, der Wesensarten (begünstigt durch die Verkleinerung der politischen Einheiten und den wirtschaftlichen Zusammenschluss dieser kleineren Einheiten);
  4. die aufgrund der Solidarität der Interessen und der Einheit der moralischen Bestrebungen gewährleistete internationale Ordnung: mittels der kooperativen Verbindung der Völker auf materiellem, geistigem und moralischem Gebiet".

 

Die Pyramide der Freiheiten

Colonnel-House.jpgIn einem Brief an Colonel House vom 12. März 1917 erläutert Henri Lambert seine Auffassung von Freiheit und Frieden:
I would like to be allowed, dear Colonel House, to draw your special attention on what appears to me to be a very important factor in the European problem – namely, that freedom of nationalities and freedom of the seas cannot intervene as causes of peace, that they can only be consequences of it. Diverse important considerations make it impossible in practical policy, when dealing with the peace problem, to neglect or to be silent on these two very important questions. Nevertheless, they are not fundamental questions, they are not elements of the problem to be used for the « foundations » of the edifice of a reconstructed peaceful civilization. This edifice must, I think, be figured like this. The liberties (national and individual) can be preserved only if resting on security. This is what Sir Edward Grey in 1915 meant when he said that Great Britain was ready to discuss the question of « freedom of the seas » but that the condition making this freedom possible had first to be established. Fundamental security is economic security.

PyramideDesLibertes.jpg

Hierarchie der Freiheiten nach Henri Lambert

Individual
 political liberties


Complete reform of the
right of association and

corporation (new right 
of co-operation)
Pround reform of vote
and Parliamentarism

National and collective liberties Freedom of nationalities, 
freedom of the seas and 
gradual disarmements on land and seas
International Security Economic security and peace of Nations
Fundamental International
Justice and morality
Free Trade
(Gradual reduction of customs duties in all 
countries and equality of economic rights in all colonies)


Gleich Maslow, der 30 Jahre später seine Hierarchie der Bedürfnisse vorlegen sollte, stellt Henri Lambert hier seine Hierarchie der Freiheiten vor. Die individuelle politische Freiheit ist nicht möglich, wenn es keine Freiheit der Nationen gibt, da diese als Vorbedingung einen sicheren internationalen Kontext benötigt, der wiederum vom Freihandel abhängt. Zu beachten ist auch, dass er bereits 1915 in seinem mit Lupton verfassten Artikel zum Thema „Moral und internationaler Handelsverkehr“ die Hierarchie der Bedürfnisse erfasst hatte, lange bevor Maslow diese formalisierte. Diese Hierarchie der Bedürfnisse listet Henri Lambert als Hierarchie der Freiheiten auf.  

"Die gesamte Politik muss sich von der Moral leiten lassen, und die Moral kann ihrerseits nicht auf die wirtschaftliche Grundlage verzichten. Eine romantische Ausprägung der Ideen und Lebensgewohnheiten bringt eine romantische Politik hervor. Eine positive Politik kann nur aus Grundsätzen der positiven Moral hervorgehen. Diese wiederum leiten sich aus der Natur der Dinge her, d.h. aus der rationalen Interpretation der natürlichen moralischen Erscheinungen. Die positive Moral ist eine natürliche Moral. Nun ist aber die ursprüngliche natürliche Moral diejenige, welche in den Wirtschaftsbeziehungen der Menschen in Erscheinung tritt, aus denen die Befriedigung ihrer physiologischen, lebenswichtigen Bedürfnisse resultiert, denn der Geist des Menschen ist nur in dem Maße frei, seine intellektuellen Fähigkeiten und seine höheren Bestrebungen können sich nur in dem Maße entfalten, in dem diese Bedürfnisse zunächst befriedigt worden sind. Die „Wirtschaftsmoral“ erscheint von grundlegender Bedeutung für alle Tätigkeiten und Beziehungen individueller, sozialer, nationaler und internationaler Art".

In einem im November 1914 verfassten und im Januar 1915 unter dem Titel "Ökonomische Ursache und Lösung der europäischen Krise" veröffentlichten langen Artikel umreißt er seine Gedanken. Die tieferen Ursachen liegen seines Erachtens jenseits der psychologischen nationalen Faktoren, die zwar eine unbestreitbare Rolle spielen, jedoch nicht ausreichen. Der von allen angestrebte allgemeine und beständige Frieden werde auf Gerechtigkeit und nicht auf Waffen begründet. Diese wahrhafte Gerechtigkeit in den internationalen Beziehungen entsteht einzig und allein durch eine die wirtschaftliche Entwicklung aller Nationen – ohne Ausnahme – begünstigende Politik. "Wenn die Zunahme des materiellen Wohlstandes der Völker die Voraussetzung und das Mittel ihres Voranschreitens auf geistigem und moralischem Gebiet bildet, könnte die Zivilisation dann das Produkt von Not und Armut sein? – ihr Recht, sich wirtschaftlich zu entwickeln, in einem Maße, welches ganz den Reichtümern ihres Bodens und ihrer Kapazität nutzbringender Anstrengungen entspricht, ist ein natürliches, unantastbares Recht: ein göttliches Recht. Nun ist aber die wirtschaftliche Entwicklung einer Nation untrennbar mit dem sich ständig ausweitenden Handelsverkehr mit anderen Nationen verbunden. So erscheint der Austausch als entscheidende Tatsache und wesentliches Recht in den internationalen Beziehungen. Jedes politische Hemmnis des Austauschs ist eine Verletzung des internationalen Rechts. Die Freiheit des Handelsverkehrs wird greifbare Bekundung und sicheres Kriterium einer in den Beziehungen zwischen den Völkern waltenden wahren Gerechtigkeit sein. Andernfalls werden das internationale Recht – und der sich auf dieses berufende Pazifismus –  weiterhin einer realistischen und soliden Grundlage entbehren. Der Frieden wird dann durch das Recht gewährleistet werden, wenn die Nationen das wahre internationale Recht – gekennzeichnet durch die Freiheit des Handels und somit geeignet, von allen anerkannt zu werden, da es die grundlegenden Interessen aller achtet – erkennen, anerkennen und ausüben werden. Solange internationales Recht und internationale Gerechtigkeit noch nicht ein Ganzes bilden, wird die Menschheit stets nur mehr oder weniger prekäre Friedenszeiten erleben, die zwangsläufig von dem Willen und den Interessen der stärksten Nationen abhängen“.

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06