EN / FR

1. Porträt eines Menschen (1862 - 1934)

Sein Wirken für den Frieden

Sein Beitrag zu Wilsons "14-Punkte-Programm“

President-Wilson.jpg

Anfang August 1914 brach der so gefürchtete Krieg aus. In wenigen Tagen entzündete der Funke von Sarajewo einen Flächenbrand. Fortan bemühte sich Henri Lambert unaufhörlich, so rasch wie möglich das Ende dieses mörderischen Irrsinns herbeizuführen. Er vermehrte und verstärkte die Kontakte, unter anderem mit den pazifistischen und sozialdemokratischen Kreisen, ab Ende 1916 dann ganz besonders in den - damals noch neutralen – Vereinigten Staaten, und zwar mit Wilsons rechter Hand, Colonel House. An den führenden europäischen Politikern verzweifelnd, erschien ihm einzig Wilson noch als Hoffnungsträger.  

Seine Position als „freies Elektron“, als über den Streitenden stehende Persönlichkeit hatte ihm gestattet, sich an die Kriegführenden beider Lager zu wenden. Dass sich in einer solchen Situation ausschließlich die Anhänger der betreffenden Parteien einer wohlwollenden Behandlung erfreuen können, ist allgemein bekannt, und man kann leicht nachvollziehen, dass die einsame Stellung Henri Lamberts alles andere als leicht zu halten war. Dennoch trat er beharrlich für seine Vorstellungen und seine Analyse ein, indem er sie unermüdlich entwickelte und wiederholte - nicht nur durch Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch mittels eingehenderer Studien, die er sowohl in englischer, als auch in französischer und deutscher Sprache verfasste.     

Ende 1916 trat er in persönlichen Kontakt zu Colonel House, den er bis Ende 1918 regelmäßig unterhielt. Auf diesem Wege übte Henri Lambert einen diskreten, aber erheblichen Einfluss auf die Einbeziehung der wesentlichen Klausel bezüglich der wirtschaftlichen Öffnung (Punkt 3) in die berühmten Vierzehn Punkte Präsident Wilsons aus, welche dieser in seiner Rede vom Januar 1918 ankündigte. Die „14 Punkte“ bildeten die Grundlage des ausgehandelten Waffenstillstands vom 11. November 1918, und „Punkt 3“ hätte die wichtige Grundlage der „Friedenskonferenz“ von 1919 und des Versailler Vertrags bilden sollen.  

Unter dem Titel „Pax Economica“ veröffentlichte Henri Lambert 1917 in den Vereinigten Staaten zwei Ausgaben seiner Schrift Pax Oeconomica; freedom of international exchange (as) the sole method for the permanent and universal abolition of war, with a statement of the cause and the solution of the European crisis and a sketch of the only possible conclusive settlement of the problems confronting the world, New York, 1917, 99 Seiten.  

Während seines Amerikaaufenthaltes, der Ende 1918 endete, also fast zweieinhalb Jahre später, schrieb er rund fünfzig Briefe an Colonel House, wurde von ihm – und insbesondere auch im Weißen Haus – empfangen und hatte die Ehre einer Erwähnung in den dessen Memoiren. Wenn man weiß, wie überladen die Agenda von Colonel House war, wie viele Träger glanzvoller Namen sich in seinem Büro die Klinge in die Hand gaben – was seine Memoiren bezeugen –, errät man, dass das Verhältnis der beiden Männer überaus herzlich geworden war. 

Colonnel HouseWährend die Erinnerung an Präsident Wilson und seine Rolle im allgemeinen Gedächtnis geblieben ist, ist es diejenige an Colonel House nur noch unter Historikern. Glücklicherweise ruft uns das unlängst erschienene, bemerkenswerte Buch des Historikers Godfrey Hodgson, sehr präzise, detailliert und ausgewogen, die eminent wichtige Rolle ins Gedächtnis, die Colonel House von 1913 bis 1918-19 an der Seite Präsident Wilsons spielte. Nichts kann dies besser veranschaulichen als der folgende Kommentar des hervorragenden Oxforder Historikers:
“The importance of Colonel Edward M. House in twentieth-century American foreign policy is enormous : from 1913 to 1919 he served not only as intimate friend and chief political adviser to President Woodrow Wilson but also as national security adviser and senior diplomat. Yet the relationship between House and the president ended in a quarrel at Paris peace conference of 1919 – largely because of Mrs Wilson’s hostility to House – and House has received little sympathetic historical attention since”.

Um eine Vorstellung von seinem Einfluss zu vermitteln, zitieren wird nachstehend den Auszug eines Briefes, den Henri Lambert am 12. März 1917 an Colonel House richtete, sowie den Auszug einer Antwort von Colonel House an Henri Lambert, einige Monate später, am 24. Oktober 1917. 

Auszug eines Briefes Henri Lamberts an Colonel House – 12. März 1917 :

“... I persist in my hopefulness. Surely the actual international law of neutrality is not founded on true international ethics. But the only thing to do is to apply it as it is, according to the letter of it. Surely also the whole international « law of war » entirely lacks true fundamental principles. But the Germans have to obey to the law which they have made, or accepted, and the only reasonable thing they can do is to trust the President of the United States for taking the right further step for peace. I am not without some confidence that V. Bernstorff will clear up political atmosphere and the minds in Berlin in respect to this.I would like to be allowed, dear Colonel House, to draw your special attention on what appears to me to be a very important factor in the European problem – namely, that freedom of nationalities and freedom of the seas cannot intervene as causes of peace, that they can only be consequences of it. Diverse important considerations make it impossible in practical policy, when dealing with the peace problem, to neglect or to be silent on these two very important questions. Nevertheless, they are not fundamental questions, they are not elements of the problem to be used for the « foundations » of the edifice of a reconstructed peaceful civilization. This edifice must, I think, be figured like this.The liberties (national and individual) can be preserved only if resting on security. This is what Sir Edward Grey in 1915 meant when he said that Great Britain was ready to discuss the question of « freedom of the seas » but that the condition making this freedom possible had first to be established. Fundamental security is economic security.”...

Auszug eines an Henri Lambert gerichteten Briefes von Colonel House – 24. Oktober 1917:

“The President and I had a long talk last night alone. We went over the situation carefully. He again expressed pleasure that I was to represent him, and declared once more that he would not be willing for anyone else to do so.  In the course of the conversation, I expressed the opinion that if such a war as this could be justified at all, its justification would be largely because it had given him a commanding opportunity for unselfish service… Then he laid down the principle that no nation should acquire territory without the consent of the governed. Now he should lay down the doctrine that nations should be equally unselfish regarding commerce. There should be complete freedom of commerce upon the seas, no preferential tariffs or transportation rates upon land, making the staple products and raw materials of the world accessible to all. The President’s eyes glistened and he rose to the argument sympathetically”. 

Ohne jeden Zweifel waren dies Gedanken, die Henri Lambert mit ihm teilte und in denen der rege Briefwechsel und die zahlreichen Zusammenkünfte mit diesem „lieben Colonel House“ ihre Früchte getragen hatten.

Als Präsident W. Wilson am 8. Januar 1918 in einer großen Rede vor dem Kongress seinen Friedensplan in 14 Punkten unterbreitet (die weitgehend durch „The Inquiry“ von Colonel House erarbeiteten „14 Punkte“), wobei der zweite die uneingeschränkte Freiheit der Schifffahrt auf den Meeren und lediglich der dritte Punkt die internationale Handelsfreiheit betrifft (d.h. die Beseitigung aller wirtschaftlichen Schranken und die Gleichheit der Handelsbedingungen für alle Nationen), für deren Formulierung Henri Lambert beharrlich im Schatten gearbeitet hatte in der Hoffnung, diesen dritten Punkt an erster Stelle und als Grundlage des Friedens zu sehen, schickt er dem Präsidenten dennoch folgendes Telegramm: "This day, Mr Président, will be recorded as that of the greatest, noblest and grandest utterance and act in the history of mankind. Respectfully. Henri Lambert, manufacturer in Charleroi Belgium.“  

Nach den Worten seines Sohnes Valentin, an denen es keinen Zweifel gibt, hatte Henri Lambert gehofft und dafür gekämpft, dass dieser Punkt an oberster Stelle stehen werde. Zunächst schaffte er es nur auf den elften, erhielt dann aber schließlich auf Drängen Henri Lamberts den dritten Platz. Der Kampf war also nicht von vornherein gewonnen. So vermerkt House am 9. Januar 1918, also am Folgetag der Erklärung:
"I then suggested the removal, as far as possible, of trade barriers. He [the president] argued that this would meet with opposition, particularly in the Senate.” Der Präsident machte Vorbehalte geltend, da er an den starrsinnigen Protektionismus der amerikanischen Republikaner dachte, angeführt von Senator Henry Cabot Lodge, Wilsons politischem Gegner, sowie an den – selbst in den Reihen der Demokraten vorhandenen – ausgeprägten protektionistischen Willen der Amerikaner.  

Convention d'armistice de RethondesAm 11. November 1918 wird der Waffenstillstand unterzeichnet, nachdem Kaiser und Reichstag die „14 Punkte“ akzeptiert hatten und England und Frankreich sich dem nur anschließen konnten. Die Würfel waren gefallen. Am 18. Januar 1919 begann die Pariser Konferenz, die zu dem am 28. Juni 1919 unterzeichneten verhängnisvollen Versailler Vertrag führen sollte. Etwa am 20. Januar 1919 kehrte Henri Lambert nach Charleroi zurück. Er nahm seine Aktivitäten als Industrieller wieder auf und kümmerte sich um die Instandsetzung und Wiederinbetriebnahme seiner Fabrik nach dieser langen Abwesenheit. Inzwischen war House – Ende 1918 – nach Paris gekommen, um dort diese langwierigen und letztendlich katastrophalen „Friedens“-Verhandlungen zu organisieren.

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06