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2. Reform des Kapitalismuss

Die Mängel eines Systems – seine Analyse

In seiner Analyse identifiziert und belastet Henri Lambert das Privileg der beschränkten Haftung. Dieses seit Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein eingeführte außergewöhnliche Privileg des kapitalistischen Systems war zudem vom Privileg der Bündelung der Kapitalien unter den Formen der Anonymität begleitet. So bildete dieses, in der Inhaberaktie und der beschränkten Haftung (welche im Konkursfall einzig die Stammeinlage betrifft) voll zum Ausdruck kommende enorme Doppelprivileg direkt oder indirekt die Ursache des grundlegenden Mangels des heutigen Kapitalismus und mithin praktisch aller Übel, die er wie folgt auflistet:

 „ – Ein gewaltiges Anwachsen räuberischer und parasitärer Aktivitäten aufgrund der übermäßigen Bedeutung, welche Spekulation und Agiotage angenommen haben, auf Kosten der tatsächlichen Arbeiten der Produktion der Reichtümer; die steigende Tendenz zur Konzentration der industriellen und kommerziellen Interessen und zur Zentralisierung ihrer Verwaltung; die monopolistische und hegemoniale Entwicklung großer Finanzinstitutionen, von denen man zumindest sagen kann, dass es sich dabei um anti-individualistische Gruppierungen handelt, die den Boden für die allgemeine Verstaatlichung bereiten; das Zurücktreten der für die Vergabe von Krediten an kleine landwirtschaftliche und andere Betriebe so wichtigen lokalen und regionalen Banken angesichts dieser großen zentralisierten Anstalten; das allmähliche Verschwinden der industriellen Laufbahnen, wo sich Initiativen, Talente und Charaktere zu ihrem eigenen Nutzen entfalten können;

wallstreet.jpg – die Unausgewogenheit in der Bereitstellung der Geldmittel, da diese vorzugsweise an Unternehmen gehen, von denen angenommen werden kann, dass sie die privilegierte Form der Anonymität annehmen und die Inhaberaktie fruchtbar machen, vor allem mit Blick auf Börsenspekulationen; die daraus folgende, ebenso maßlose und verheerende wie künstliche Entwicklung der so genannten „industriellen“ Aktivitäten auf Kosten der landwirtschaftlichen Tätigkeiten; die unzureichende Entwicklung der Landwirtschaft in den neuen Ländern, deren Arbeit die wahre Grundlage des wirtschaftlichen und sozialen Lebens liefert und die den, lange Zeit hindurch unterstützten, Ausgangspunkt der neuen Gesellschaften und Kulturen bilden muss; die Landflucht und die Entvölkerung des ländlichen Raums der alten Länder; die Ansiedlung eines breiten Industrieproletariats in den bedeutenden Ballungszentren handwerklicher Großbetriebe und ganz allgemein in den großen städtischen Ballungsräumen, mit allen daraus resultierenden Übeln und Gefahren;

 – die allgemeine Verbreitung der Industrie - und Handelsmonopole in Form von Verbänden, Kartellen und Trusts – Organisationen also, deren Ziel und Folge – durch Einsatz diverser angemessener Mittel, jedoch stets über Regelungen der Produktion – die künstliche Aufrechterhaltung höchstmöglicher Verkaufspreise und Gewinne sind (wobei diese Organisationen durch den Zollschutz, für dessen Fortbestand sie sorgen, begünstigt werden); die wachsende Teuerung der Lebenshaltungskosten; die ungenügende Beteiligung der arbeitenden Klassen an der Zunahme des allgemeinen Reichtums (N.B. Als Erzeuger wie auch als Verbraucher hat der Arbeiter ein entscheidendes Interesse am freien Wettbewerb zwischen den industriellen Unternehmern und an der Freiheit des Binnen- und Außenhandels, die unerlässliche Voraussetzung einer vollen Entfaltung der Wirtschaftstätigkeit, hoher Gehälter und günstiger Lebenshaltungskosten);

 – die übertriebenen Gewinne aus dem Kapital nahezu überall, wo dieses investiert wird; die schlechte Aufteilung des Reichtums; die wachsende Ungleichheit der Vermögenssituationen; der Mammonismus, oder die Herrschaft des Geldes, d.h. die Bereicherung, der Erfolg, das Prestige, der gesellschaftliche und politische Einfluss der Einfallsreichen oder der "Geschickten"; deren Beispiel und die ansteckende Wirkung von „leichtem Gewinn“, müßigem Leben, Vergnügen, Verschwendungssucht, angeberischem Luxus; das beständige Nachlassen der Moral in den vermögenden Klassen und das bei diesen festzustellende Verlorengehen eines Ideals des ernsthaften Lebens, Folge ihres Mangels an wirklichem Wissen und wahrer Bildung; die zunehmend ausgeprägte Unfähigkeit dieser Klassen, ihre Führungsaufgabe zu erfüllen; ihr Versagen, wenn es darum geht, in entscheidender und wohltuender, weil aufgeklärter Weise auf die Innen- und Außenpolitik der Nationen einzuwirken;

 – die vernachlässigte Bildung der unteren Klassen, die vor allem das sind, was die so genannten „oberen“ Klassen aus ihnen machen und selber sind; folglich ein unwissendes allgemeines Wahlrecht, ohne Kompass und ohne Kontrolle, welches droht, vom Regen in die Traufe zu führen.

 – die Herrschaft der Politik über mehr als ein großes Volk durch die Bündelung mächtiger privater Interessen, sehr viel mehr finanziell als industriell und kommerziell orientiert, in Antagonismus zum Allgemeininteresse (in deren Diensten zudem gewöhnlich eine ebenso verachtenswerte wie einflussreiche Presse steht); der simonische Schleichhandel politischer Einflüsse; die so genannte „Geschäfts“-Politik,

 – d.h. diejenige der Privatinteressen –, und diejenige der sozialen Notlösungen, die ihr notwendigerweise folgt; die Schutzzollgesetze zugunsten der Industriellen und die "Sozialschutz“-Gesetze zugunsten der Arbeiter, um diese für die den Ersteren auf Kosten Aller gewährten räuberischen Privilegien zu entschädigen; in anderen Worten: der Protektionismus, oder Sozialismus der Reichen, und der Sozialismus, oder Protektionismus der Armen;

 – der mit dem Kolonialismus kombinierte protektionistische Monopolismus: indem sie einander überlagern, bilden sie die beiden Haupt-, wenn nicht gar ausschließlichen Ursachen von Militarismus und Imperialismus, mit ihren verheerenden Folgen in der Gegenwart und ihren abscheulichen, sich mit Blick auf die Zukunft abzeichnenden Bedrohungen;

euro.jpg – die gewaltige Vergeudung – von Regierungs- wie auch von privater Seite –  der Gelder, die der produktiven Arbeit entzogen werden, wo doch die Wirtschaft, welche im Sparen und in der nützlichen Anwendung des Kapitals mit dem Ziel der ständigen Steigerung der Produktionen besteht, eine der ersten öffentlichen und privaten Pflichten ist;

 – die unter den Arbeitermassen sowie in zahlreichen „intellektuellen“ Kreisen vorherrschenden, zu Etatismus, Kommunismus oder anarchistischem Syndikalismus tendierenden sozialen Vorstellungen, als Folge der antiökonomischen und antisozialen Resultate der von maßgeblichen Arbeitgeberkreisen sowie seitens der Innen- und Außenpolitik betriebenen Industrie- und Handelspolitik, die ebenfalls beeinträchtigend in die Allgemeininteressen eingreift.“

Eine besonders anklagende Litanei der verhängnisvollen Auswirkungen dieser Privilegien also, die man Anfang des 21. Jahrhunderts in gleichem Umfang, wenn nicht noch ausführlicher als Anfang des 20. Jahrhunderts, wieder aufnehmen könnte! Fast 30 Jahre vor der großen Depression der 30er Jahre und über ein Jahrhundert vor der großen Rezession, die mit dem Fall von Lehman Brothers am 15. September 2008 hereingebrochen ist und sich in einer systemischen Krise der Finanzsysteme fortgesetzt hat, um sich anschließend zu einer Staatsschuldenkrise zu wandeln (Griechenland, Portugal, Irland...), hatte Henri Lambert einen Komplex von in der Gesellschaft kursierenden Verfehlungen und abweichenden Verhaltensweisen identifiziert. Jeder wird verstanden haben, dass er vor allem mit dem Finger auf die außerordentlichen Privilegien der beschränkten Haftung im Zusammenschluss der Geldmittel weist und zwar in Form der Anonymität. Gewiss, so räumt er ein, dieses Privileg war ein Mittel, um die Entwicklung gewisser Industriezweige zu „forcieren“ oder voranzutreiben, doch das geschah auf Kosten anderer Industrien; „denn durch Kunstgriffe kann man weder die Gesamtheit der Aktivitäten, noch das gemeinsame Erbe der Menschen steigern. Man kann dort lediglich Verschiebungen hervorrufen.“

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06