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4. Reform des internationalen Handelsverkehrs

Pax Economica

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Die erste Fassung seiner von Vorahnungen erfüllten Pax Oeconomica erschien Ende April 1913. Danach veröffentlichte er kleinere Schriften in Deutschland, den USA und England, bevor er dann 1920 sein Synthesewerk Pax Economica (paxeconomica.pdf paxeconomica.pdf) herausbrachte.

Will man Kriege aus der Welt schaffen und den Frieden begründen, muss man bis zur grundlegenden Ursache der Antagonismen vordringen und auf diese einwirken. Für Henri Lambert sind es die wirtschaftlichen Verhältnisse, die die nationalen und internationalen Beziehungen beherrschen. Deshalb gelte es, die großen ökonomischen Wahrheiten besser bekannt zu machen und für deren tieferes Verständnis zu sorgen, und dies sowohl auf der Ebene der Völker, als auch auf derjenigen ihrer führenden Politiker, bei denen nur allzu oft Unkenntnis herrscht, wenn es um Funktionsweise und Auswirkungen der Wirtschaftsmechanismen geht. Diese Aufgabe ist es, die er im Frühjahr 1913 in Angriff nimmt, eine Aufgabe, der er sich auch im weiteren Verlauf seines Kampfes unermüdlich widmen wird.

„Zweifellos gibt es ein allgemeines natürliches, synthetisches Gesetz“, erklärt er, „welches das Universum in seiner ganzen Allseitigkeit regelt und dem die Gesamtheit der Erscheinungen entsprechen muss, ja dessen Endzweck sie ausdrückt. Dies könnte nur ein Gesetz des Fortschritts sein, das die Materie mittels der ihr eigenen energetischen Eigenschaften zu einer Arbeit der sich langsam, aber unaufhörlich und sicher vollziehenden Umwandlung und Erhöhung zum Wahren, Guten und Gerechten – und zur Glückseligkeit – bestimmt.  Das Ganze, wie auch jedes seiner Teile, ist diesem Endzweck unterworfen und muss ihm entsprechen. 

Das allgemeine Gesetz des Fortschritts beherrscht die Geschicke der Menschheit. Kein harmonisches Leben der Menschen in der Gesellschaft, keine harmonischen Beziehungen der Gesellschaften untereinander außerhalb der Bedingungen, dank derer dieses Gesetz der Gesetze seine Wirkungen vollbringt: jeglicher Versuch, dies zu behindern, kommt einem Aufstand gleich, einem Verbrechen gegen die Natur selbst, und wird früher oder später zu einer automatisch angewandten, berichtigenden Sanktion führen, die sich in Gestalt dessen manifestiert, was wir eine „Bestrafung“ nennen.“ Sodann versichert er, dass „die charakteristischste natürliche Erscheinung und die unabdingbarste, grundsätzlichste Voraussetzung einer fortschreitenden Weiterentwicklung der Menschheit die Arbeitsteilung ist, verbunden mit dem Austausch der Produkte dieser Arbeit. Die Abschaffung der Arbeitsteilung und des Austauschs würde die Rückkehr des Menschen zu einem primitiveren Zustand bedeuten; jegliches Verhindern ihrer Entwicklung zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft findet zwangsläufig seinen Niederschlag in einem Stillstehen oder einer Verlangsamung der Verbesserungen des wirtschaftlichen und sittlichen Zustands des Einzelnen, sowie im sozialen Zustand des Gemeinwesens. In gleicher Weise haben auch die der Erfüllung dieser natürlichen Erscheinung zwischen den den verschiedenen menschlichen Gemeinschaften angehörenden Individuen entgegenstehenden Hindernisse die Verlangsamung oder den Stillstand ihres Voranschreitens auf wirtschaftlichem, sozialem und moralischem Gebiet zur Folge. Daher ist deren Rückschritt in Richtung des Zustands der Barbarei zu befürchten. Der Krieg erscheint als eine der Sanktionen oder eine der Strafen, die letztendlich die Nationen treffen, wenn diese – indem sie der gegenseitigen Entwicklung der Arbeitsteilung und des Austauschs Hindernisse entgegenstellen – bei der Erfüllung der Aufgabe der gegenseitigen Verwirklichung der unbeschränkten, parallelen und angemessenen wirtschaftlichen, sozialen und moralischen Fortschritte, welche die Natur der Menschheit stellt, versagen.“  

Hier wird der Akt des Austauschs und der Arbeitsteilung erneut in den Mittelpunkt des Problems gerückt, so wie beide auch das Herzstück seines Neuen Gesellschaftsvertrags und seiner finalistischen Philosophie bilden. Für Henri Lambert sind Arbeitsteilung und internationaler Freihandel unerlässlich „für die integrale Erfüllung“ der Bestimmungen der Menschheit, die zu einem unaufhaltsamen Fortschritt berufen ist, welcher sich durch Ideen im sozialen und internationalen Frieden vollzieht oder aber durch Gewalt in Kriegen und Aufständen. So ist er überzeugt, dass „es unter den Bedingungen des modernen Krieges keine kraft ihrer Waffen mächtige Nation geben kann als diejenige, die zugleich über große wirtschaftliche Macht verfügt. Eine solche Nation wird unweigerlich Anhänger des Freihandels sein oder dies schließlich werden; sie kann dies aufgrund ihrer Bedürfnisse und ihrer Expansions- und Durchdringungskraft unmöglich nicht werden. Früher oder später wird sie die Stärke ihrer Waffen in den Dienst des Freihandels stellen; sie wird freien Zugang bei den anderen fordern und wird, ökonomisch stark, kaum zögern, diesen auch bei sich zu gewähren. Tatsächlich wird sich diese Nation schon bald bewusst werden, dass die unbeschränkte Bereicherung eines Landes nur über die Bereicherung der anderen Länder möglich ist, welche ihre Kunden oder Lieferanten sind: Der Freihandel wird durch Gewalt eingeführt und der Fortschritt durch Krieg erzwungen. Doch zu welch hohem Preis an Demütigungen und Leid für die Besiegten!“ Der Feind ist für ihn also der Protektionismus, der ein System„ des Rückschritts, der Gewalt, der Quasi-Barbarei auf wirtschaftlichem, sittlichem und sozialem Gebiet“ darstellt, das entweder durch Ideen oder durch Gewalt besiegt wird, und eben dieses Dilemma ist es, dem sich Europa 1913 gegenübersieht. 

Angesichts dieser unmittelbar drohenden Gefahr scheinen die Pazifisten Henri Lamberts Auffassung zufolge „sich dieser höchst bedeutsamen Wahrheit nicht hinreichend bewusst zu sein. Es besteht großer Anlass zu der Befürchtung, dass ihre edlen Bemühungen unwirksam bleiben oder zumindest nur sehr geringe Wirkung zeitigen. Indem sie Versöhnung, Eintracht, politische Korrektheit der Staaten, internationale Gerechtigkeit, Arbitrage und Abrüstung predigen, setzen die Pazifisten nicht an der Ursache an; sie scheinen nicht zu sehen, dass der kriegerische Geist, die internationalen nationalistischen Ungerechtigkeiten, das Aufrüsten und selbst die vorgeblichen „Feindschaften der Rassen“ – zumindest zwischen den großen europäischen Staaten – nur die Auswirkungen sind, deren Ursache die gewöhnlich durch den Protektionismus unterhaltene Feindlichkeit der Interessen ist. Ebenso wäre es sehr viel nützlicher, wenn sich die vom Proletariat getragenen pazifistischen Bemühungen gegen den Protektionismus richteten, statt sich mit antimilitaristischer und internationaler Propaganda zu befassen.
Tatsächlich ist ohne wirtschaftliche Abrüstung keine militärische Abrüstung möglich oder auch nur wünschenswert. Zudem ist keine Konzeption internationalistischer als der Freihandel, der notwendigerweise die grundlegende realistische Institution eines jeden Internationalismus ist.
Unter vielen vom Proletariat legitim erwägten Standpunkten wird die Abschaffung der Zollgrenzen schon bald derjenigen der politischen Grenzen gleichkommen, und Letztere damit unnötig machen. Überdies scheinen die Proletarier kaum etwas davon zu ahnen, dass Protektionismus Ungerechtigkeiten und Nachteile seitens des Kapitals gegenüber der Arbeit darstellt.“ 
Sein starkes Vertrauen in den Freihandel veranlasst ihn, wie das häufig bei denjenigen geschieht, welche mit Gewissheit den Schlüssel zu den Problemen gefunden zu haben glauben, die reduzierende Seite der einzigen Ursachen zu billigen.
Während der Freihandel die grundsätzliche Lösung der Probleme der Menschheit darstellt, ist der Protektionismus eine der „Hauptwurzeln des Sozialismus, einer gewiss irrigen und rückschrittlichen Lehre, was die von ihr befürworteten Mittel sozialer Reform angeht, doch zugleich gerechtfertigter und notwendiger Protest gegen die Fehler und Missbräuche des Kapitals, die im Übrigen nicht nur vom Protektionismus herrühren.„Protektionismus und Militarismus, Pauperismus und Sozialismus, scheußliche Kinder des Irrtums und eines von Raub oder Gewalt geprägten Geistes, paaren sich wiederum, erzeugen sich neu, wachsen, greifen ineinander und zerren die Menschheit Europas gemeinsam in den Abgrund“.  
Abschließend sei ein treffender Aphorismus zitiert, der versichert, dass „Protektionismus der Sozialismus der Reichen und Sozialismus der Protektionismus der Armen ist“.

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06