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1. Porträt eines Menschen (1862 - 1934)

Seine Zeitgenossen und Kontakte

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Eugène Baudoux

Es waren die Ereignisse von 1886, aus deren Erfahrung heraus Henri Lambert schließlich das Talent eines eigenständigen Denkers entwickelte. Sie hatten das Problem des allgemeinen Wahlrechts und dasjenige der Rolle der Zusammenschlüsse (Union verrière – Union der Glashersteller) schärfer hervortreten lassen. Diese bilden dann auch seine ersten beiden Reflexionsthemen auf einer langen Liste, und das nur wenige Jahre nach seinem Abgang von der Universität und zeitgleich mit seiner Übernahme der Familiengeschäfte. Für ihn persönlich waren diese Jahre in doppelter Hinsicht entscheidend. Zu dem väterlichen Einfluss gesellte sich derjenige von Eugène Baudoux, mit dem er sich in einer generationenübergreifenden Zuneigung freundschaftlich verband. Gemeinsam widmeten sie sich Überlegungen zu diversen gesellschaftlichen Problemen, und Henri Lambert veröffentlichte verschiedene Studien, in denen er vor allem das Vereinigungsrecht in den Blick nahm, eine der Säulen seiner künftigen Schrift „Le Nouveau Contrat Social“ (Der neue Gesellschaftsvertrag).

Colonnel-House.jpgColonel Edward M. House

Über D. S. Jordan, der auf hoher Ebene den amerikanischen pazifistischen Kreisen angehört, kommt Henri Lambert in Kontakt mit Colonel House, an den er am 30. November 1916 schreibt. Es ist der Beginn eines Schriftwechsels zwischen beiden Männern und einer von aufrichtiger Herzlichkeit, ja Freundschaft geprägten Beziehung. Henri Lambert zielte hier auf die Spitze des amerikanischen Staates, das Milieu der Entscheidungsträger. Wir wissen bereits um die Bedeutung der Rolle von Colonel House in seiner Eigenschaft als erstrangiger inoffizieller Berater Präsident Wilsons.

EdmundDeneMorel.jpgEdmund Dene Morel

And for Henri Lambert – and I very largely agree with him – one of the fundamental "causes" of this war is the protectionist and monopolistic policy adopted in economic matters by many of the Governments; by all, in a certain measure, though by Britain herself, hitherto, least of all since Bright and Cobden’s great achievement, Freedom of trade is for Henri Lambert the true road to a permanent peace among the nations. He does not discard other avenues of approach, but he says, in effect, "Neglect this one, and your efforts are vain". And here I am in complete accord with him". (MOREL (E. D.), Truth and the War, London, 1916, p. 191–194.).

EmileZola.jpgEmile Zola

Am 8. Januar 1898, also fünf Tage vor dem berühmten « J’accuse » („Ich klage an“), schreibt Henri Lambert folgenden Brief an Emile Zola:

Verehrter Herr,

Ich kann mich nicht länger enthalten, Ihnen meine Bewunderung für Ihre schöne, edle, ihre großartige Haltung in der Dreyfus-Affäre auszudrücken. Sie haben einmal mehr bewiesen, dass Sie das sind, was man überall einen Menschen nennt. Und mit einigen anderen Menschen haben Sie der Welt, die dies bezweifelt hatte, gezeigt, dass es in Frankreich noch Leute gibt, die ihr kostbares Erbe intakt bewahrt haben: das Gefühl der Großzügigkeit, die ängstliche Sorge um den guten Ruf des Vaterlandes, die größte Ehrfurcht vor Gerechtigkeit und Wahrheit. Damit trösten Sie die Menschheit, die in Traurigkeit verfolgt, was sich bei einem Volk ereignet, das sie lieben möchte, und die trotz des schrecklichen Verbrechens, welches die Franzosen vorbereiten, der französischen Nation ihre Hochachtung nicht wird entziehen können. Danke!

Wie grauenhaft aber erscheint die Seele einiger Ihrer Landsleute!

Henri Lambert

 P.S.: Ich habe die Anklageschrift gelesen. All das ist ja nichts als eine Absichtsunterstellung!

CharlesdeBroqueville.jpgCharles de Broqueville

Ende Mai 1913 bildet die von Ministerpräsident Charles de Broqueville geführte Regierung eine so genannte Kommission der 31, in der sich Persönlichkeiten verschiedener Horizonte zusammenfinden mit dem Ziel, einzig über die Frage des kommunalen und provinzialen Wahlrechts nachzudenken. Es geht somit darum, ein Wahlsystem für Wahlen mit reduzierteren Konnotationen zu finden.

Die Kommission besteht aus 12 Abgeordneten oder ehemaligen Abgeordneten, 10 Universitätsprofessoren, 3 Senatoren, 2 Provinzgouverneuren, 2 Ministerialdirektoren und 2 Industriellen, Paul Trasenster aus Lüttich und Henri Lambert aus Charleroi. Die Präsenz des Letztgenannten blieb nicht unbemerkt. Bei der 3. Sitzung am Mittwoch, den 22. Oktober 1913, ergriff er das Wort, um für das kommunale und provinziale Wahlrecht ein System vorzuschlagen, das darin besteht, drei Kandidatenlisten zu bilden.

Die erste Kategorie bestünde aus den am höchsten Besteuerten und entspräche den Interessen des Eigentums und des Kapitals;
die zweite würde mittlere Steuerzahler umfassen und die komplexen sozialen Interessen der Mittelklasse vertreten;
die dritte würde aus kleinen Steuerzahlern und Nichtsteuerpflichtigen gebildet und stünde für die Interessen der Arbeit.

YvesGuyot.jpgYves Guyot

Am 12. Oktober 1895 nimmt Henri Lambert, so scheint es, erstmals Verbindung zu dem ehemaligen französischen Minister und bedeutenden Ökonom Yves Guyot (1843–1928) auf, der sich zustimmend zu seinen Theorien äußert. Er veröffentlicht zwei Artikel in Le Siècle, einer Zeitung der französischen Hauptstadt, welche die Verdienste dieser Theorien rühmen und so weit gehen zu erklären, dass deren Schöpfer „nicht in Bezug auf Belgien, sondern auch Frankreich Recht haben“.

HectorDenis.jpgHector Denis

Zwar erhielt er Hilfe von Janson und Lorand, vor allem aber kam diese von Hector Denis (1842–1913), dem herausragenden Soziologen und ehemaligen Rektor der Freien Universität Brüssel (1892–1894), der 1892 zum Abgeordneten gewählt wurde, um die Liste des die fortschrittlichen Liberal–Sozialisten Lüttichs vereinenden Kartells anzuführen, eine Funktion, die er bis zu seinem Tod bekleidet hat. Er brachte im Parlament eine Gesetzesvorlage in diesem Sinne ein und erklärte in der Sitzung vom 2. Mai 1908, also drei Wochen nach Lamberts Artikel, ein „aufgeschlossener Industrieller, der sich mit der Internationalisierung auseinandergesetzt habe, Herr Lambert, habe in bemerkenswerter Weise gewisse direkte positive Auswirkungen einer solchen Lösung beleuchtet“. Seine Ideen verfügten mithin über das unerlässliche Relais auf politischer Entscheidungsebene. Wenngleich sich seine Theorien über die Interessenvertretung und die Zusammenschlüsse außerhalb Belgiens anwenden lassen, versuchte er hier erstmals, direkten Einfluss auf die internationale Politik zu nehmen. Und es sollte nicht bei diesem ersten Mal bleiben.

SirEdwardGrey.jpgSir Edward Grey

So widmete Henri Lambert sich von 1913 bis 1920 der Abfassung von rund fünfzig, sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten veröffentlichten Schriften. Im April 1913 begann er, den damaligen britischen Außenminister, Sir Edward Grey, mittels eines langen offenen Briefes zu alarmieren, der die grundlegenden moralischen Überlegungen ausführte und den wirtschaftlichen Ursprung, die tiefere Ursache des drohenden großen Konfliktes, klar herausstellte: die allgemein verbreiteten, nationalistischen Wirtschaftsprotektionismen. Er schlug Grey die Einberufung einer Wirtschaftskonferenz vor, um den Abbau dieser Protektionismen einzuleiten. 1918 schrieb Henri Lambert: „Ich schlug diese Lösung Sir Edward Grey in einem von der Pariser Freihandelsliga publizierten offenen Brief vor, der meines Erachtens vom Großteil der Staats- und Regierungschefs Europas gelesen wurde.“ Gelesen wurde er von diesen zweifellos, leider aber von ihnen – angefangen bei Sir Edward Grey – nicht verstanden oder unterschätzt und blieb ohne Wirkung oder bekannt gewordene Reaktion seitens der großen europäischen Verantwortlichen.

LujoBrentano.jpgLujo Brentano

Überzeugt, dass es, um zu siegen, zu überzeugen gilt, verbreitet Henri Lambert seine Studien wo immer er kann und in allen Milieus, von denen angenommen werden kann, dass sie die öffentliche Meinung und deren führende Persönlichkeiten beeinflussen, und dies in beiden Lagern. So hatte er Lujo Brentano (1844–1931), dem bedeutenden liberalen, pazifistischen Wirtschaftswissenschaftler und Sozialreformer, Professor an der Münchner Universität, seinen offenen Brief an Präsident Wilson geschickt. Dieser renommierte Denker antwortet ihm, ebenfalls in Form eines offenen Briefes, in dessen Präambel er besonders hervorhebt, dass der offene Brief Henri Lamberts, Einwohner eines Landes, das gerade eine blutige Invasion durchlitten habe, „kein hartes Wort über den Feind“ enthalte und „die größte Bewunderung“ verdiene.

BertrandRussel.jpgRomainRolland.jpgNormanAngell.jpgBertrand Russel -  Romain Rolland – Norman Angell

Henri Lambert beteiligt sich an der Aktion der Union of Democratic Control (Dezember 1915). Ziel dieses im August 1914 in England von Linksintellektuellen und Pazifisten gegründeten Interessenverbandes war es, dazu aufzurufen, das Ende des Krieges zu verhandeln und eine Außenpolitik unter Ausschluss der Geheimdiplomatie zu betreiben.

Unter den Anführern befanden sich Norman Angell und vor allem E. D. Morel, Sekretär-Kassenwart, mit dem er, daran sei erinnert, einige Jahre zuvor in der Kongo-Affäre korrespondiert hatte. Im Umfeld dieses Komitees traf man auch den französischen Schriftsteller Romain Rolland, der im folgenden Jahr (1916) den Literaturnobelpreis erhalten sollte, sowie den Philosophen Mathematiker Bertrand Russel, zukünftiger Literaturnobelpreisträger (1950).

Henri-La-Fontaine.jpgHenri La Fontaine

In den Vereinigten Staaten begnügt sich Henri Lambert nicht damit, nur Kontakt zu Colonel House aufzunehmen. Er tritt mit einem anderen namhaften belgischen Exilanten in Verbindung, den er seit vielen Jahren kannte, Henri La Fontaine - Friedensnobelpreis im Jahr 1913 -, Sänger des Pazifismus wie er, der 1916 in Boston gerade The great Solution.Magnissima charta. Essay on Evolutionary and constructive Pacifism veröffentlicht hatte. Henri Lambert schreibt ihm am 27. Februar 1917: “Mein lieber Senator und Freund, mit Freude sehe ich, dass es Ihnen gelingt, der Freiheit des Handels ihre ganze Bedeutung zuzumessen. Zwar ist dieses Prinzip nicht der ganze Pazifismus, wohl aber dessen notwendige Grundlage. Die demokratische Organisation der Staaten, die Unabhängigkeit oder die wahre politische Autonomie der natürlichen Nationalitäten können allein auf diesem Prinzip der wirtschaftlichen Sicherheit, des Fortschritts und des Friedens gründen.“

RichardCoudenhove-Kalergi.jpgPaulvanZeeland.jpgRichard Coudenhove-Kalergi – Paul van Zeeland

Aus einem am 30. Juni an Coudenhove-Kalergi gerichteten Brief erfahren wir, dass Henri Lambert in Begleitung von Paul van Zeeland, Evence Coppée, Léon Greiner und André Peltzer, drei großen Verantwortsträgern des wirtschaftlichen und politischen Lebens Belgiens, an der Tagung des paneuropäischen Komitees vom 4. und 5. Juli teilnahm. Wenngleich er diese Sichtweise nicht teilte und ihm der entsprechende Ruf vorauseilte, wurde er zur Teilnahme am Baseler Europäischen Kongress (im Oktober 1932) eingeladen, wo er am 3. Oktober unter dem Titel „Zu dem „Pan-Europa“ und den „Vereinigten Staaten Europas“ der Herren Briand, Herriot, Coudenhove-Kalergi und Konsorten“. Nachdem er systematisch das genaue Gegenteil der Äußerungen édouard Herriots (1872-1957) dargelegt hat, erklärt er: „Ich bin der Auffassung, dass die europäische politische Föderation nicht nur unmöglich, sondern sogar unerwünscht ist. Dass sie unmöglich ist, scheint mir auf der Hand zu liegen, und ich glaube mich nicht bemühen zu müssen, dies aufzuzeigen. Aber ich will mir die Aufgabe stellen, zu zeigen, dass sie nicht einmal wünschenswert ist. Wenn es ein nicht einzuschränkendes Bedürfnis gibt, wenn es ein berechtigtes Bestreben gibt, das sich in der Geschichte Europas und der Welt als unwiderstehlich erweist, dann sind dies das Bedürfnis und der Wille, welche die Nationalitäten zum Ausdruck bringen, sich selber zu regieren, in Freiheit und Unabhängigkeit zu leben. So gesehen war die „freie Bestimmung der Nationalitäten“ ein wahres und richtiges Prinzip. Präsident Wilson beging jedoch den schweren Fehler, nicht darauf zu bestehen, dass diesem Prinzip seine unabdingbare Voraussetzung gewährt wird: die wirtschaftliche und politische Sicherheit der Völker, in der Freiheit ihrer Beziehungen. Die freie Verfügung durfte nicht der internationalen wirtschaftlichen Freiheit vorangehen: sie musste deren stufenweise, natürliche Folge werden. Wahrheit, Zukunft und Fortschritt liegen im Übrigen nicht in der politischen Zentralisierung, in der Schaffung großer Einheiten, und ebenso wenig in der Bildung von Zollunionen – und seien es europäische; sie liegen nicht in „PAN-EUROPA“ oder den „Vereinigten Staaten von Europa“: Wahrheit, Zukunft und Fortschritt liegen in der politischen Dezentralisierung und der gleichzeitigen stufenweisen Beseitigung sämtlicher Zollgrenzen.“

GuillaumeDeGreef.jpgGuillaume De Greef

De Greef schreibt, „Unter diesem bescheidenen Titel [Pax oeconomica], hat einer unserer großen Industriellen, bewandert und erfahren in der internationalen Geschäftspraxis und zugleich Theoretiker, Soziologe und Philosoph, gerade einen Band von entscheidender Bedeutung veröffentlicht – leider aber von zu großem gedanklichen Tiefgang, um die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit auf sich zu ziehen, die sich von einer bequemeren und leichter verdaulichen Literatur ernährt. Ein Grund mehr und eine Pflicht für uns, nicht allein die Aufmerksamkeit kompetenter Spezialisten, sondern auch diejenige der Staatsmänner und Gesetzgeber auf dieses Werk zu lenken. Diese Publikation eines Industriellen und Philosophen ist um so interessanter, als Veröffentlichungen der gleichen Art in den wichtigsten Ländern Europas sowie in den Vereinigten Staaten erschienen sind und nahezu alle denselben zugleich philosophischen und praktischen Charakter aufweisen, dessen Quelle eine große Erfahrung auf industriellem und kommerziellem Gebiet bildet. Im Übrigen sind diese Werke im Wesentlichen wissenschaftlicher Art und gerade deshalb unparteiisch, frei von jeglichen kleinlichen politischen und parteilichen Anliegen; von tiefen patriotischen Gefühlen inspiriert, sind sie jedoch zugleich von einer höheren Sichtweise hinsichtlich der Bedürfnisse unserer neuen Menschheit geprägt...“

JulesDestree.jpgJules Destrée

Jules Destrée, glänzender Intellektueller und Anwalt aus Charleroi, ehemaliger sozialistischer Minister, schreibt in der Tribune Libre du Soir (26. März 1932): „Er hat Recht, Herr Lambert, er hat ganz und gar Recht. Er hat sogar so Recht, dass ihm in diesen gestörten, neurotischen Zeiten wahrscheinlich niemand zuhören wird. Und deshalb möchte ich ihm, ohne mir etwa einzubilden, dass ich ihn damit wirksam unterstütze, meine Zustimmung geben.“

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06