print.png Drucken

EN / FR

1. Porträt eines Menschen (1862 - 1934)

Sein Wirken für den Frieden

The International Free Trade League

CouvertureHenriLambert.jpgMein lieber Senator und Freund, mit Freude sehe ich, dass es Ihnen gelingt, der Freiheit des Handels ihre volle Bedeutung zuzumessen. Zwar ist dieses Prinzip nicht der ganze Pazifismus, wohl aber dessen notwendige Grundlage. Die demokratische Organisation der Staaten, die Unabhängigkeit oder die wahre politische Autonomie der natürlichen Nationalitäten können allein auf diesem Prinzip der wirtschaftlichen Sicherheit, des Fortschritts und des Friedens gründen.

Auszug eines Briefes Henri Lamberts an Henri La Fontaine (27. Februar 1917)


lettreagarrison.jpgIn den USA hat sich Henri Lambert nicht damit begnügt, nur Kontakt zu Colonel House aufzunehmen. So tritt er mit einem anderen, ihm seit vielen Jahren bekannten namhaften belgischen Exilanten in Verbindung, Henri La Fontaine, der sich wie er zum Pazifismus bekennt und in Boston gerade The great Solution. Magnissima charta. Essay on Evolutionary and constructive Pacifism veröffentlicht hat.    

Am 5. Januar 1917 nimmt er von Philadelphia aus, wo er sich damals aufhält, auch Verbindung zu einem der Enkel des berühmten amerikanischen Abolitionisten William Lloyd Garrison (1805-1879) auf, wahrscheinlich Frank Wright Garrison. Aus den zahlreichen zwischen Henri Lambert und den Brüdern Garrison ausgetauschten Mitteilungen erfahren wir, dass Henri Lambert binnen drei Monaten in den USA Freunde gewonnen hatte, darunter insbesondere Samuel Milliken, der dem Präsidium der künftigen International Free Trade League (Internationale Freihandelsliga) angehören wird. Garrison selbst hat namentlich die Aufmerksamkeit von Präsident Wilson auf seine Ideen gelenkt, indem er diesem ein Exemplar der unter dem Titel The economic solution of the European crisis erschienenen Studie Henri Lamberts zukommen ließ. So war Henri Lambert über Garrison nicht nur mit dem Milieu der Verfechter des Freihandels in Verbindung gekommen – auch Frank Wright Garrison sollte dem Präsidium der künftigen Liga angehören -, sondern auch mit dem der amerikanischen Quaker, einer wahren Pflanzstätte für Pazifisten. Durch die Vermittlung von William Lloyd Garrison (1874-1964), dem Bruder von Frank Wright, wird er später sogar zur Free Religious Association of America Kontakt erhalten, bei welcher Letztgenannter Mitglied war. Diese 1867 von einer Gruppe Liberaler – darunter Ralph Waldo Emerson - ins Leben gerufene Bewegung hat die Quaker stark beeinflusst. So entspinnt sich zwischen den Brüdern Garrison und Henri Lambert ein echter interaktiver Dialog. Als Anhänger des Georgismus wird ihm Frank Wright Garrison seine kleine Schrift über The Single Tax, sowie diejenige seines Bruders mit dem Titel The New Abolition zusenden.

In diesem die Gewalt ablehnenden Milieu also, in dem sich auch zahlreiche Kriegsdienstverweigerer zusammenfinden, versucht Henri Lambert Anhänger für seine Theorie zu gewinnen; vor allem aber ist er bestrebt, deren Gefühlen eine rationale Grundlage zu geben, um ihnen zu größerer Effizienz zu verhelfen.


entetefreetradeleague.jpgAnfang 1918 gibt Henri Lambert in Boston den Anstoß zur Gründung der International Free Trade League. Einige Jahre zuvor hatte er sich in Paris an der Bildung einer anderen Freihandelsliga, der Ligue du Libre-Échange, beteiligt. So schreibt er im Januar an deren amerikanischen Initiator, Kenneth Elliman, von 1916 bis 1917 Sekretär der American Free-Trade League: „The circumstances for starting your or rather our League are exceptionally favorable after the President’s last message“. Er ist es, der Elliman nahelegt, an H. La Fontaine zu schreiben und diesen zu bitten, sich dem Komitee besagter Liga anzuschließen, was Letzterer akzeptiert. Die Zeitschrift dieser Liga, The International Free Trader, wird zahlreiche Beiträge Henri Lamberts veröffentlichen, der ganz offensichtlich eine ihrer treibenden Kräfte ist. Tatsächlich ist er nicht nur einer der Mitbegründer dieser Liga, sondern auch deren Anführer, ja sogar ihr Wortführer. Diese Gründung war wichtig für ihn, da sie seiner Auffassung nach berufen war, die Rolle des „starting point and the link for similar organisations in Europe“ zu spielen.

Am vorletzten Tag des Jahres 1918 verlässt Henri Lambert die USA und damit auch Freunde, dies jedoch fest entschlossen, sich mit Leib und Seele seinem Credo zu widmen mit dem Ziel, die Menschheit vor einem neuen Unheil zu bewahren. Er war auf höchster Ebene tätig geworden: derjenigen des Politikers (Colonel House), derjenigen religiöser Kreise (Quaker und Clergy Club) und der Welt der liberalen Denker (International Free Trade League). Er hatte die Presse alarmiert, kleine Schriften veröffentlicht, Konferenzen gegeben, sein Denken geschärft, ist jedoch zugleich überzeugt, dass durch seine Rückkehr nach Europa sein in Druck befindliches französischsprachiges Werk (Le nouveau contrat social und Pax Economica) nicht gelesen werden und keinerlei Einfluss auf das Schicksal Europas haben würde. So schrieb Henri Lambert drei Jahre nach seiner Rückkehr aus USA an seinen Freund Fr. Wright Garrison: „Seit meiner Rückkehr nach Europa war meine Existenz außerordentlich bewegt : ein häufig von Schwierigkeiten, von mitunter sehr ernsten Konflikten, die ich nicht hervorgerufen hatte, durchzogenes Geschäftsleben, ein infolge der Gleichgültigkeit und des Unverständnisses derjenigen, die man vor sich selber retten möchte, sehr beanspruchendes und generell undankbares Leben intellektueller Bemühungen (...). Ich bin verzweifelt für unsere Kinder, die keine Schuld an unseren Fehlern trifft. Sie und ich und einige andere haben unsere Pflicht getan; das ist unser ganzer Trost, doch er ist groß“.

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06