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1. Porträt eines Menschen (1862 - 1934)

Sein Wirken für den Frieden

Der Vertrag von Versailles - schwerer Fehlschlag, dennoch Fortsetzung seines Wirkens

Dieses Jahr 1919 hatte für Henri Lambert im Zeichen großer Hoffnungen begonnen. Präsident Wilsons "14 Punkte“ standen auf dem Programm der Beratungen, so dass er mit Recht darauf hoffen konnte, den Anfang der Konkretisierung seiner Ziele zu sehen. Doch die „14 Punkte“ hielten nicht stand, mit dem bitteren Nachgeschmack des Scheiterns.

Les représentants au Conseil des Quatre à la Conférence de la paix : de gauche à droite Lloyd George, Vittorio Orlando, George Clémenceau, Woodrow Wilson.Diesbezüglich schrieb Henri Lambert im Dezember 1919 in einem Artikel unter der Überschrift "Das internationale Versagen der führenden Politiker und die Niederlage der Sieger“:… „Wie kommt es, dass Präsident Wilson seine „dritte Bedingung“ aufgegeben hat, die den stufenweisen Abbau der Zollschranken mit dem Ziel der wirtschaftlichen Gleichheit der Völker vorschrieb? Die Erklärung findet sich wahrscheinlich in einem logischen Irrtum: Der Präsident hatte vor allem unablässig die Bildung der Liga der Nationen im Blick; diese sollte im weiteren Verlauf, in Form eines stufenweisen Freihandels, die internationale wirtschaftliche Gleichheit einführen (von der er weiß, dass sie die notwendige Friedensgrundlage bildet). Um eine Liga der Nationen erfolgreich gründen zu können, ist es indes – wie der Verfasser dieser Zeilen während des Krieges unaufhörlich bekräftigt hat und wie es die Ereignisse gezeigt haben – unabdingbar, zunächst – zumindest prinzipiell – den Freihandel einzuführen, bereit, diesen dann etappenweise umzusetzen, beispielsweise in einem Zeitraum von zehn oder zwanzig Jahren. Um die Völker zu verbinden gilt es, damit anzufangen, ihre grundlegenden Antagonismen zu beseitigen – statt das Gegenteil tun zu wollen. Aus diesem logischen Fehler leiten sich die so bedauernswerten Misserfolge der Wilsonschen Politik ab“... 

Trotz dieses traurigen Fazits veranlasst ihn sein unverbesserlicher Optimismus in Bezug auf den Menschen, vielleicht doch noch auf ein Infrage-Stellen dieses Vertrags zu hoffen, auf eine Revision, die er sehnlichst herbeiwünscht. Hinzu kommen eine große Charakterstärke, ein glühender Eifer im Angriff, eine Unbeugsamkeit und Ausdauer im Bemühen. In diesem Kontext ist vielleicht die Veröffentlichung seiner beiden Bände Pax Oeconomica und Le Nouveau Contrat Social (Der neue Sozialvertrag) im Jahre 1920 zu sehen, die seine vor etwas mehr als einem Vierteljahrhundert vereinzelt erschienenen Publikationen wieder aufgreifen (allerdings nicht alle und oft auch gegenüber dem ursprünglichen Text leicht abgeändert).  
Pax EconomicaDiese beiden Schriften oder Sammelbände ermöglichten nicht nur, hier und da in verschiedenen Ländern erschienene Artikel zu vereinen, sondern boten zugleich Gelegenheit zur Bestandsaufnahme nach diesen fünf Jahren, die ihn gezwungen hatten, weit weg von seinem Unternehmen zu leben, und ihm zugleich Zeit gegeben hatten zum Nachdenken, zur Meditation, zum Schreiben. Während diese in verschiedenen, häufig liberal ausgerichteten Zeitschriften und Zeitungen erschienenen Artikel ein gewisses Echo gefunden hatten, widmete man den beiden umfangreicheren, eindrucksvolleren und bei einem großen Pariser Verlag erschienen Synthesewerken zahlreiche Rezensionen in Zeitschriften oder Zeitungen unterschiedlicher Tendenzen. Sie erreichten ein geografisch breiter gestreutes und vielfältigeres Publikum.  
Während die Politiker seine Stimme nicht hörten, fanden seine Theorien bei renommierten Intellektuellen sofort Widerhall. So schrieb der berühmte dänische Schriftsteller Georg Brandes (1842-1927), Spezialist der europäischen und insbesondere der französischen Literatur, bereits 1916, also kaum drei Jahre nach dem Erscheinen seiner im April 1913 durch die Freihandelsliga publizierten kleinen Schrift Pax Oeconomica, die Theorie Henri Lamberts biete „die einzige gesunde Lösung“ für den Konflikt.
Henri Lambert gehörte nicht zu denen, die nach einem Misserfolg die Arme sinken lassen. Er setzte seinen Kampf für den Frieden nach dem Krieg fort, und zwar immer noch mit den Waffen seines kompromisslosen Freihandels-Pazifismus.

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06