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6. Andere Reformvorhaben

Die vielseitige Persönlichkeit Henri Lamberts fand stets Stoff zum Nachdenken. Aus der Analyse der drei obigen Beispiele geht hervor, dass Henri Lambert, gewappnet mit seiner Geschichtsphilosophie und seinem Schlüssel zum Verständnis auf jede Erscheinung einer sich wandelnden Gesellschaft reagiert, und zwar von so unterschiedlicher Art wie Gewinnbeteiligung der Arbeiter, Grundschulunterricht, Eisenbahn oder auch die radikale Reform des Wahlsystems: all dies innerhalb weniger Monate.    

1. Gesetzentwurf zu den „Arbeitsaktien“ (1913)

Dieser (belgische) Gesetzentwurf von 1913 zielte darauf ab, Lohn und Arbeit enger an das Kapital zu binden und die Arbeiterwelt am Unternehmen zu beteiligen. Henri Lambert reagiert und schlägt vor, anstelle des einzelnen Arbeiters sollten die Gewerkschaften intervenieren. Dies unter der Voraussetzung, dass Letztere umgewandelt werden und das Gesetz über die Berufsverbände, welches diese zu "modernen, laizistischen Kampfkongregationen", zu „Rittern der Arbeit“ gemacht hatte, die nur in einer von Kampf geprägten Atmosphäre fortbestehen können, abgeschafft wird. Damit wären sie zu wahren Verbänden von der Art geworden, wie er sie in seinen Überlegungen zum Recht der Vereinigungen genau umreißt, nämlich zu „Arbeitsgesellschaften“.   
Dieser Vorstellung gemäß beteiligen sich diese „Arbeitsgesellschaften“ finanziell oder können sich, falls sie dies wünschen, finanziell an den Unternehmen beteiligen, wobei sie diesen zugleich durch Kollektivarbeitsverträge Arbeitskräfte liefern. Damit haben sie Anteil an der Leitung der Betriebsabläufe der Unternehmen und können auf diese je nach den Geldmitteln, die sie ihnen anvertraut haben, Einfluss nehmen. Mit der Zeit werden dieser Anteil und dieser Einfluss an Bedeutung und nützlichen Ergebnissen zunehmen, ja könnten vorherrschend werden, da sich die Kapitalien mittels der unerlässlichen moralischen und materiellen Garantien den Arbeitsgesellschaften zu festem Zinssatz anbieten werden, diesen zufließen werden. In dieser Weise vereint, werden die Arbeiter auf die Stufe von kapitalistischen Unternehmern, von Industriellen gelangen“.

2. Das Grundschulwesen (1914)

Unter dem Pseudonym Aristidion veröffentlichte Henri Lambert 1914 eine Broschüre mit dem Titel „Das Problem des Grundschulwesens. Die liberale Lösung“. Die belgische Politik wurde damals von dem Vorhaben des katholischen Ministers Prosper Poullet (1868-1937) erschüttert, der den Besuch der Grundschule obligatorisch und kostenlos machen wollte. Die Katholiken stimmten für dieses am 9. Mai 1914 verkündete „Poullet-Gesetz“, um in ihrem Unterrichtswesen ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Für Henri Lambert muss die liberale und individualistische Organisation des Unterrichtswesens drei Prinzipien entsprechen:

  1. Das Unterrichtswesen ist frei und die Unterweisung Pflicht.
  2. Der Staat liefert den Bedürftigen eine „gute Schulbildung“.
  3. Die Gemeinden müssen bei fehlender privater Initiative diese durch einen neutralen Unterricht ersetzen. 

3. Die Eisenbahn (1914)

Angesichts der finanziellen Schwierigkeiten der belgischen Eisenbahn scheinen im Frühjahr 1914 dringend tiefgreifende Reformen geboten. Zu dieser Feststellung gelangt der Zentralausschuss der industriellen Arbeit im Eisenbahnministerium. Seiner Gewohnheit gemäß schlägt Henri Lambert ein bis ins kleinste Detail klar strukturiertes Projekt vor. Dort findet man seine humanistischen und am Freihandel orientierten Grundsätze wieder: „Anregung des persönlichen Interesses und Verantwortungsgefühls; Beteiligung der Gemeinschaft an den durch Nutzung der kollektiven Reichtümer erzielten Gewinnen (nicht an den Verlusten); Dezentralisierung für alles, was sich aufteilen ließe, Zentralisierung für alles, was sich vorteilhaft vereinen lässt."

Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06