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8. Philosophische und metaphysische Anschauungen

Hypothese über die physische und metaphysische Entwicklung der Energie

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„Während der langen Etappe der Überlegungen, aus denen die vorliegende Schrift hervorgegangen ist, leitete ein Schimmer synthetischer Wahrheit unseren Verstand; er hat unsere Hoffnungen lebendig erhalten; er erhellt unseren Geist noch immer. Warum sollten wir ihn nicht anderen Pilgern anbieten, sie auf ihn hinweisen, und sei es nur beiläufig?“

Henri Lambert (Hypothese über die physische und metaphysische Entwicklung der Energie)

MetaphysiqueDeLEnergie.jpgHenri Lambert gefällt sich gewissermaßen in Widersprüchen. Durch seine Tätigkeiten ganz im Konkreten stehend, fühlt sich sein Geist seinem Wesen nach zum Positivismus, zur Analyse der Erscheinungen hingezogen. Sein verstandesmäßiges Vorgehen hingegen treibt ihn dazu, den Einzelfall zu transzendieren, um zu den Prinzipien der Kausalität zu gelangen, die ihn an die Pforten der Metaphysik führen. Zunächst verankert sich seine Reflexion stets in einer präzisen Realität, deren innere Strukturen er als Ingenieur zu begreifen sucht, um auf diese Weise Lösungen zu finden.   

Dieser Wille, die Probleme gewissermaßen global zu erfassen und so ein holistisches philosophisches System zu erarbeiten, kommt deutlich in den seinen Publikationen vorangestellten Sätzen zum Ausdruck, wenn er beispielsweise schreibt: „Beitrag zur Suche nach Lösungen einiger wichtiger Fragen meiner Zeit und aller Zeiten“.

„Eine neue Moral zu begründen ist tatsächlich und unweigerlich unser Ziel“, verkündet er.

Als freies Elektron wehrt er sich gegen die Behauptung, er habe „dem Spiritualismus ebenso wenig wie dem Materialismus ein neues Argumentationsterrain bieten, sondern den Forschungen der freien Prüfung einen breiteren und vielleicht fruchtbaren Weg eröffnen“ wollen, „ohne uns allzu sehr mit dem eventuellen Charakter ihres Ergebnisses zu beschäftigen.“ Durch sein Gedankensystem, auf dessen „Charakter der philosophischen Generalität“ und der Eigenständigkeit er Anspruch erhebt, verlässt er, der Ingenieur, den gesicherten Pfad der strengen mathematischen Beweisführungen, um einen Weg hin zu seiner großen „Hypothese“ einzuschlagen. 
Dieses organisierte Ganze, dessen Funktionsweise er erkennen will, kann sich Henri Lambert nicht als Frucht des Zufalls vorstellen. Nach seiner Auffassung gehorcht es einer von einem höchsten Wesen ausgehenden Logik:
„Wo es ein Gesetz gibt, gibt es einen Willen;“ schreibt er, „dort, wo sich Gesetze des Fortschritts und der Harmonie feststellen lassen, gibt es einen Willen zum Fortschritt und zur Harmonie. Universelle und ewige Gesetze weisen auf die Existenz eines höchsten, universellen und ewigen Willens und Wesens hin.“ 
Doch dieses Wesen, dieser Gott sind nicht diejenigen der Christen. In seinem Buch „Hypothese über die physische und metaphysische Entwicklung der Energie“ sieht es Henri Lambert mit sehr großer Kühnheit und Originalität, „es hat seinen Sitz in den Atomzentren (Atomkernen, NdT) des Wasserstoffs, ist somit die immaterielle anziehende Energie und der „reine Geist“, der vom Nukleus aller Atome, aller Moleküle, aller Zellen aus wirkt, also auch von allen beseelten und mit einem Gehirn ausgestatteten Wesen aus, die das Universum bilden. Es ist und kann weder anders noch anderswo sein.“
„Warum also würde sich die immaterielle, anziehende, aufbauende Energie der Natur, organisierend, koordinierend, allmächtig, allgegenwärtig, allwissend, unerschütterlich, unendlich und ewig, nach unserer Sichtweise nicht an die Stelle der abstrakten Wesenheit setzen, die wir Gott nennen; warum wäre sie nicht Gott? Kraft welchen rationellen oder selbst theologischen Motivs würden sich die Gottgläubigen weigern zuzugeben, dass es sich so verhält? Sind sie in der Lage, einen anderen Gott als den ihnen angebotenen, den wir ihnen „zeigen“, zu nennen oder auch nur zu definieren“?

In seiner Schlussfolgerung wird seine Hypothese dann zu einer Behauptung von ergreifender Kühnheit:
„In Wahrheit ist eines sicher: die Behauptung der Immaterialität des Kerns des Wasserstoffatoms oder vielmehr der Immaterialität der dort wirksamen Anziehungskraft, bildet den letzten, aber womöglich auch den sicheren Zufluchtsort von Deismus, Spiritualismus und Finalismus. Gott ist die sich in den Atomkernen offenbarende Macht. “

So kann die Existenz dieses Gottes den Menschen nicht gleichgültig lassen, denn „wenn es einen höchsten Willen und eine höchste Absicht gibt, wenn das Universum einem Endzweck entspricht, muss es einen vorgeordneten Plan der physischen, chemischen, biologischen, ökonomischen, soziologischen und sittlichen Welterscheinungen geben, welche alle notwendigerweise an der Erfüllung dieses Willens, dieser Absicht und dieses Endzwecks zusammenwirken. Dies bedeutet dass, wenn es einen Gott gibt, es eine natürliche Ordnung der Welt geben muss, welche natürlich alle menschlichen Aktivitäten und Unternehmungen umfassen und auf diese einwirken muss.“

Durch die Existenz dieses Gottes, dem großen Ordner und Gestalter – fast könnte man den Schatten des Uhrmacher-Gottes der Denker des 18. Jahrhunderts über ihm schweben sehen –, rechtfertigt Henri Lambert zugleich diejenige der Seele. Diese Seele, sie wird dem Menschen nicht durch das Werk des Allmächtigen verliehen, sondern durch die ökonomische Logik. So „glauben wir sagen zu können“, erklärt er, dass „der Mensch das Wesen ist, welches durch das Tauschen gerecht und moralisch wurde, die Erkenntnis von Gut und Böse erwarb, ein verantwortungsvolles und unsterbliches Gewissen ausbildete: eine „Seele“. Und dem fügt er hinzu: „Das allererste Entstehen, die erste Genesis der menschlichen Seele und das Aufkommen des Tauschhandels waren nach unserer Auffassung einander begleitende Erscheinungen. Der Endzweck der natürlichen Erscheinungen, in Form von in den Geistzustand übergehender Materie, begann sich auf unserem Planeten zu verwirklichen, als dort der erste Austausch von Dingen oder Dienstleistungen stattfand. Daraus entstand bei den beiden Tauschenden ein Streben nach Gleichheit, nach Angemessenheit, nach Gerechtigkeit. Dieses Streben – eine natürliche, aber höhere, aus der Energie entwickelte Kraft – war auf unserer Erde die erste „moralische Kraft“. Der erste Tausch war dort zugleich die erste „moralische Erscheinung“. 
Dieser Auffassung einer „natürlichen finalistischen Moral“ gemäß muss diese Seele Rechenschaft ablegen: „Was ihre letzten Sanktionen betrifft, so sind diese geboten und werden geregelt durch die Notwendigkeit der Gerechtigkeit, welche die Belohnung der guten und die „Läuterung“ der schlechten Taten fordert. Gewiss ist jedoch, dass sich das absolute Gute und das absolute Böse seitens des Menschen nicht vorstellen lassen, da sie bei diesem eine volle Verantwortung voraussetzen würden, die nur das Attribut einer vollkommenen Wissenschaft sein kann. Als irdische Wesen sind die Menschen stets nur eines relativen Guten oder Bösen fähig und werden dies auch bleiben; folglich können ihre Seelen auch nur ihrem Umfang und ihrer zeitlichen Dauer nach begrenzte Belohnungen und Bestrafungen verdienen. (Wahr ist allerdings, dass dieser Umfang und diese Zeit keine andere Grenze als das Unendliche haben können). 
Für Henri Lambert kann „das, was wir die ‚Seele‘ nennen“ nur beim Menschen existieren und existiert auch nur bei ihm. Es ist das Resultat der Einwirkung moralischer Kräfte auf die Substanz der Nukleonen der Zellen gewisser Hirnstrukturen, die Zugang zum Zustand des Lebens, des Bewusstseins, des Denkens erhalten haben – eine Substanz, die bei allen beseelten Wesen existiert, die jedoch beim Menschen unter dem Einfluss dieser natürlichen, aber höheren Kräfte zu einem Zustand der Subtilität, der Sublimität, der „Spiritualität“ erhoben wird, welcher bewirkt, dass sie dem als physisch oder natürlich bezeichneten Milieu und dessen Kräften entkommt, um einzig und allein der als metaphysisch und übernatürlich (da wir ihre Physik oder Natur noch ignorieren) bezeichneten Welt anzugehören. Da die Seele nun nicht mehr wandelbar, ja nicht einmal mehr durch diese physischen Kräfte beeinflussbar ist, ist sie unzerstörbar: sie kann nicht untergehen, ist „unsterblich“.

So ist es also nicht nur erlaubt und legitim, sondern sogar zwingend notwendig geworden, sich darum zu bemühen, in der Atomistik eine oder mehrere neue Hypothesen einzuführen. Und wir betrachten uns zumindest ermächtigt, die unsere vorzustellen. Wir sind uns bewusst, dass sie noch rudimentär, ungenügend präzisiert ist; sie bleibt unberechnet, vielleicht unberechenbar. Wir sehen sie jedoch als geeignet an, zu einer großen Vereinfachung der Theorien – wenn nicht der Berechnungen – zu führen. Und außerdem – fürchten wir uns nicht, dies anzuerkennen – entspricht sie den ursprünglichen Desiderata und den grundlegenden Notwendigkeiten der Gesamtheit unseres neuen Systems der allgemeinen Philosophie.   
Dieses nimmt – wie geboten, rationell und wissenschaftlich – seinen Ausgang im Atom und leitet alles daraus her, von den Erscheinungen der physikalischen Chemie und der Biologie bis hin zu denjenigen des Seelischen und der menschlichen Sitten. Erkennen wir also auch dieses an: Ist unsere atomistische Hypothese falsch, so ist das philosophische System, um dessen Darlegung wir uns bemühen, nichts wert. Es zerstiebt. Doch das wäre schade, denn keine andere Philosophie, ob es sich nun um diejenigen der Vergangenheit oder der Gegenwart handelt, erscheint geeignet, in rationeller Weise dem derzeitigen Bedarf an so dringend notwendigen moralischen Leitlinien für die menschliche Gesellschaft zu entsprechen, die durch Revolutionen und Kriege in ihrer Zivilisation, wenn nicht gar in ihrer Existenz bedroht ist.“


Datum der letzten Aktualisierung: 2012-09-06